|
Kapitel 3
DIE VERFOLGUNG DER
URCHRISTEN IM UNIVERSELLEN LEBEN
„Bin ich also euer Feind geworden, weil ich
euch die Wahrheit sage?“
(Gal 4, 16)
Es begann am 6. Januar 1975 – wohl nicht zufällig an dem Tag im Jahreslauf,
an dem die alte Kirche der Geisttaufe Jesu im Jordan gedachte. Die 41jährige
Würzburger Hausfrau Gabriele Wittek macht eine nicht nur für ihr Leben
einschneidende Erfahrung, über die in einer Publikation des Universellen
Lebens folgendes zu lesen ist: „Im Bewußtsein der demütig Betenden öffnete
sich ein Spalt, durch den ihr – zunächst nur kurzzeitig – die unmittelbare
Kommunikation mit der geistigen Welt möglich wurde. Es meldete sich ein
Geistwesen, das sich als ihr geistiger Lehrer vorstellte und ihr erklärte,
was in ihr und um sie in der geistigen Welt vor sich geht. Sie erschrak und
war zunächst skeptisch. Doch die Kommunikation mit dem Geistbruder wurde
intensiver, und er bereitete sie allmählich auf die Begegnung mit einem
anderen vor: Christus.“ *
Ein solches Geschehen ist in der Geistesgeschichte der Menschheit nichts
Einmaliges. Immer wieder sprach Gott – nach der Überzeugung vieler
Religionen – zu den Menschen durch Propheten, durch erleuchtete Menschen,
die der göttlichen Welt als Instrumente dienten. Immer wieder berief Gott,
etwa im alten Israel, solche Wortträger des Geistes – und immer wieder
sträubten sich die so Angesprochenen zunächst gegen die übermenschliche
Bürde dieser gewaltigen Aufgabe. 270 Auch Gabriele wehrt sich zunächst gegen
den Auftrag, der ihr übertragen wird: sich zunächst selbst unter der inneren
Führung Christi von allem Allzu-Menschlichen zu befreien, um dann das
Gotteswort allen Menschen, die dafür ein offenes Herz haben, geben zu
können. Doch die Liebe zum Ewigen in Gabriele siegt.
Schon bald scharen sich Menschen um sie – erst ein kleiner Kreis, dann
entstehen in einigen Städten Süddeutschlands erste Zellen einer neuen
Bewegung, die einen Namen erhält: „Heimholungswerk Jesu Christi“. In
Nebenzimmern von Gasthäusern und in schlichten Versammlungsräumen offenbaren
sich Christus und andere Wesen der Himmel durch Menschenmund. Nach
Überzeugung der Menschen, die sich hier versammeln, wird nun wahr, was
Christus als Jesus von Nazareth ankündigte: „Noch vieles habe Ich euch zu
sagen, aber ihr könnt es jetzt noch nicht fassen. Wenn aber der Geist der
Wahrheit kommt, so wird er euch in alle Wahrheit führen“ (Joh 16, 12f). Die
Fülle der Offenbarungen, die von dieser Anfangszeit bis heute durch Gabriele
ausgesprochen und niedergeschrieben wurden und werden, geht tatsächlich weit
über das hinaus, was uns von Jesus von Nazareth überliefert ist. Es geht bei
den Offenbarungen um die Überwindung der Trennung des Menschen von Gott, um
seine Rückkehr in die ewige Heimat, aus der jeder Mensch und jede Seele im
innersten Wesenskern stammt.* Es geht um die geistigen Ursachen von
Krankheiten und die Möglichkeiten einer Heilung oder Linderung durch
Selbsterkenntnis, Gebet und Glauben, wobei die Hilfe eines Arztes niemals
ausgeschlossen wird.** Die geistige Welt offenbart den Aufbau der
himmlischen Welten, die Struktur der Seele, das Geschehen nach dem irdischen
Tod und die Möglichkeit der Wiederverkörperung der Seele in weiteren
menschlichen Körpern.*** Doch die zentrale Botschaft ist der Weg nach Innen:
Der Gott suchende Mensch wandert nach innen, um den Reichtum seiner Seele zu
entdecken und zu entfalten, um sein Bewusstsein zu erschließen, um wieder
bewusst zu dem kosmischen, freien, glücklichen Wesen zu werden, das er im
Innersten schon ist und immer war. Dazu ist es notwendig, die Belastungen
der Seele, die uns von Gott und dem Nächsten trennen, zu erkennen und mit
der Hilfe Christi abzulegen. Der Innere Weg ist die gelebte Bergpredigt.****
Hier wird das geistige Fundament für das spätere Universelle Leben gelegt.
Die Kreise, die rasch im gesamten deutschsprachigen Raum und darüber hinaus
entstehen, erhalten einen Namen: „Innere Geist=Christus-Kirche“. Der Name
ist Programm: Es entsteht keine äußere Kirche mit Riten und Zeremonien, mit
Dogmen und Sakramenten, sondern eine Kirche des Inneren. Es gibt keine
festgefügten Abläufe, keine Priester, keine Kirchenmitglieder und keine
Kirchensteuer. Nicht in Tempeln aus Stein soll der Mensch Gott suchen und
finden, sondern im Tempel seines Inneren – denn in jedem von uns wohnt Gott.
Dies war es auch, was der Geist Gottes durch Gabriele den kirchlichen
Obrigkeiten zu sagen hatte. Im November 1980 wurde durch die Prophetin
Gottes dem Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Johannes Paul II., ein
Gesprächsangebot gemacht, in dem es hieß:
„Jesus Christus ist nicht mehr der Träger dieser äußeren Kirche, da die
Theologen nicht mehr nach den Worten des Herrn leben. ... So tragen die
Theologen wohl ihre Bibelwerke unter dem Arm, das Wort Gottes jedoch nicht
in ihren Herzen. ... Wir sind alle Brüder und Schwestern und unseres Herrn
Kinder. Somit bist du auf Erden dieser Gottesprophetin gleichgestellt.
Bedenke, du bist vor Gott nichts anderes als ihr Bruder. Welche Titel und
Ämter bekleidete Jesus Christus in dieser Welt? Er war des Zimmermanns
Josefs Sohn. ... Oh Bruder, steige von deinem hohen Roß herab. Lege die
prunkvollen Gewänder und die Krone ab ... Denn der durch den Staub dieser
Erde wandelte, hatte keine golddurchwirkten Gewänder und keine Krone aus
Gold und Edelsteinen. Er war ein einfacher Mann des Volkes ...“
Im Januar 1981 folgte ein ähnlicher Brief an die Bischöfe der katholischen
und evangelischen Kirche in Deutschland:
„Der Heilige Geist weht, wo Er will, und ergießt sich in die Herzen jener,
die Ihn mehr lieben als diese Welt. Wenn du Jesus Christus mehr liebst als
deine Titel und Würden, so höre, was dir der Herr zu sagen hat, und komme
als Bruder zu Brüdern und Schwestern.“
Auf diese Briefe kam nie eine Antwort – oder war die Antwort das, was die
Kirchenoberen gegen die Urchristen wenig später vom Zaune brachen?
Ein Prophet ist für viele seiner Zeitgenossen ein Ärgernis. Das war bereits
bei den großen Propheten des Judentums so – weshalb soll es im 20.
Jahrhundert anders sein? Schon die Propheten der Israeliten sprachen im
Auftrag Gottes die unverblümte Wahrheit aus – gleich, ob kirchliche und
staatliche Obrigkeiten diese gerne vernahmen oder nicht. Die Propheten
prangerten die Ungerechtigkeit und die Prunkliebe der Hochgestellten an, sie
sprachen sich gegen Unterdrückung, Heuchelei und die Opferung von Tieren aus
– und stießen damals schon auf den erbitterten Widerstand der Priesterkaste.
Die Priester, die sich als scheinbar unentbehrliche Mittler zwischen Gott
und den Menschen schieben, bekämpfen die Prophetische Rede, durch die der
Mensch in eine unmittelbare innere Beziehung zu Gott hineingeführt wird, die
keiner äußeren Vermittlung bedarf. Der Theologe Prof. Walter Nigg
bezeichnete daher in seinem Werk „Prophetische Denker“ die Priesterkaste als
den „Feind der Propheten“. 271
Anfangs bleibt die neue Bewegung weitgehend unbehelligt. „Ein neuer Zirkel,
wie die alte Kirche schon viele hat kommen und gehen sehen, vielleicht
einige Schwärmer, die sich mit sich selbst beschäftigen“, so mag man in den
Amtsstuben der kirchlichen Hierarchie gedacht haben. Denn: Wer nur redet und
betet, ist für die etablierten Kirchen kaum eine Gefahr.
Doch der Kreis wächst. Als die rührigen Urchristen in der tiefkatholischen
Bischofsstadt Würzburg für ihre wöchentlichen Treffen aus dem Hinterzimmer
einer Nebenstraße in einen Saal im Hauptbahnhof umziehen, macht man sich
offenbar doch langsam Gedanken, ob da nicht zu viele von der Fahne gehen
könnten. Man kann der neuen Bewegung auch nicht mit dem gängigen Klischee
eines aus dem Ausland importierten Gurus begegnen: Es ist im Sprachgebrauch
der Kirchen eine „deutsche Sonderentwicklung“.
Telefonterror
Was nun folgt, ist eine typisch katholische Reaktion: Der erste Angriff
erfolgt „hinten herum“. Gabriele, ihr Mann und ihre Tochter lebten damals in
einem Reihenhaus am Stadtrand von Würzburg. Ein Augenzeuge und Freund der
Familie erinnert sich an diese Vorgänge:
„Zu Weihnachten 1981, am Abend des 24. Dezember, erfolgten gegen 18 Uhr in
der Wohnung unserer Schwester in der Bergstraße mehrere Anrufe des gleichen
Sprechers, auch mit den gleichen Stimmen im Hintergrund. Der Sprecher sagte,
bei ihm sei ein Suizidgefährdeter; dieser möchte am heutigen Weihnachtsabend
zu unserer Schwester kommen. Es wurde ihm erklärt: Wenn er zum Gebet um 20
Uhr kommen möchte, dann ist er herzlich eingeladen, mehr kann unsere
Schwester nicht für ihn tun. Man hörte im Hintergrund Stimmen, dann legte
der Sprecher auf – der ‚Suizidgefährdete’ erschien nicht. Wir hatten den
Eindruck, dass es ein fingierter Anruf war.
In der Folgezeit erfolgten immer wieder Drohanrufe im Haus unserer
Schwester. Diese Anrufe wurden zu einer Selbstverständlichkeit. Noch nachts
um 2 Uhr wurden Verwünschungs- und Verfluchungsdrohungen ausgesprochen. Kurz
nachdem der Telefonhörer aufgelegt war, erfolgte der nächste Anruf, mit dem
die Verfluchung fortgesetzt wurde, dann ein dritter, mit dem sie
abgeschlossen wurde. Im Hintergrund hörte man ebenfalls Stimmen.“
Nachdem dieser Telefonterror kein Nachlassen der Aktivitäten des
Heimholungswerkes zur Folge hatte, erfolgte ein erster öffentlicher Angriff
im Sommer 1982. Zunächst benutzt die katholische Kirche ihre eigenen
Medienkanäle – hauptsächlich das Würzburger Katholische Sonntagsblatt.
Am
20. Juni 1982 erscheint dort ein Artikel mit der Überschrift: „Für Schäden
keine Haftung!“ Die Botschaft des Heimholungswerkes Jesu Christi wird darin
als „verfälschte Botschaft“ bezeichnet. Und schon taucht das erste falsche
Zitat auf: Dem Heimholungswerk wird in den Mund gelegt, es behaupte, „die
einzig wahre Kirche Jesu Christi“ zu sein. Tatsache ist: In den Schriften
der Urchristen wird das Urchristentum als „die wahre Weltreligion“
bezeichnet. Das „einzig“ hat die als „Hausfrau“ bezeichnete Autorin des
Artikels, eine katholische Journalistin namens Jutta Falke, hinzugedichtet.
Ein typischer Fall von Projektion – denn die alleinseligmachende Kirche ist
nach katholischem Dogma nun mal die katholische Kirche und sonst niemand.
Und schon kommt die nächste Lüge: Es werde im Heimholungswerk Heilung
„versprochen“. Ein solches Versprechen wird jedoch bei der Heilung durch
Gebet und Glauben, die die Urchristen, dem Vorbild des Nazareners folgend,
praktizieren, nicht abgegeben. Der nächste Vorwurf: Man weise die Gläubigen
an, keine andere Literatur zu lesen als die des Heimholungswerks – eine
weitere Lüge und Projektion zugleich, denn einen Index verbotener Bücher,
die Katholiken nicht lesen durften, gab es in der römischen Kirche bis in
die 60er Jahre hinein. Die Gläubigen des Heimholungswerkes sollten „nicht
nachdenken, sich keine eigene Meinung bilden“. Ihre Kritikfähigkeit werde
„systematisch abgebaut oder gar zerstört und die Vernunft abgeschaltet“. Im
Heimholungswerk würden die Menschen „hörig gemacht, in Abhängigkeit
versklavt, verdummt, bis sie engstirnig nur das vertreten, was man ihnen
sagt“. Besser hätte man die katholische Bildungspraxis der letzten 1500
Jahre nicht beschreiben können.
Dann erfolgen persönliche Angriffe auf die Prophetin: „Ein lieber, guter,
harmloser Mensch, Hausfrau und Mutter wie du und ich, gründet eine ‚Kirche’“
... Die Prophetin merke nicht, dass sie zu einer „willenlosen Marionette
degradiert“ werde. Sie würde „Lügen verbreiten“ – welche dies sein sollen,
wird jedoch nicht gesagt – und „Haß säen“ – indem die Urchristen auf
Tatsachen aus der Kirchengeschichte hinweisen.
Einen Hinweis darauf, wer hinter dieser Kampagne steckt, findet man in einem
Kasten neben dem Artikel: „Weitere Klärungshilfen für Katholiken“, so heißt
es da, könnten bei der Organisation „Das große Zeichen – die Frau aller
Völker“ im St.-Kilianshaus in Würzburg angefordert werden.
Zu einer Zeit, in der längst noch nicht alle katholischen Diözesen
„Sekten“-Beauftragte – oder vielmehr Rufmord-Beauftragte – ernannt haben,
fühlt sich in Würzburg besonders diese Organisation zur Abwehr alles
nicht-katholischen Bösen berufen. Der Name lehnt sich an die Geheime
Offenbarung des Johannes im Neuen Testament an, wo von einer „Frau aller
Völker“ die Rede ist – welche von der Kirche in der Regel mit Maria
gleichgesetzt wird. „Das große Zeichen – die Frau aller Völker“ ist jedoch
eine sektenartige Gruppierung innerhalb der katholischen Kirche, die sich
auf eine Marienerscheinung des 20. Jahrhunderts in Holland beruft und sich
diesen Namen zugelegt hat. Besonders pikant ist, dass im Zusammenhang mit
dieser angeblichen Marienerscheinung spiritistische Phänomene wie starker
Geruch, Lärm und Schüsse auftraten. 272 Und eine solche Gruppierung will sich
nun ein Urteil über das Prophetische Innere Wort anmaßen ...
Den deutschen Zweig dieser Mariensekte gründete 1968 in Würzburg der freie
Journalist und Hobby-Großwildjäger Franz Graf von Magnis. Graf Magnis stammt
aus schlesisch-katholischem Adel und wurde 1927 in der Nähe von Glatz
(heute: Klodzko in Südpolen) geboren. Für seine Verdienste bei der
Verfolgung religiöser Minderheiten bekam er 1987 von Papst Johannes Paul II.
den päpstlichen Silvester-Orden verliehen.
Die Urchristen setzen sich am 7. Juli 1982 gegen den Sonntagsblatt-Artikel
mit einer großformatigen Anzeige in der Main-Post zur Wehr – Überschrift:
„Sind wir von Gott verlassen?“ Sie weisen in dieser Anzeige mit
wissenschaftlicher Sorgfalt auf die Widersprüche in der Bibel hin, zeigen
die Gräuel einer blutigen Kirchengeschichte auf und stellen dazu die Frage:
„Lebt die Kirche nach der Bibel?“ Daraufhin wird ihnen von der Pressestelle
des bischöflichen Ordinariats „üble antichristliche, speziell
antikatholische Propaganda“ vorgeworfen. Es sei ein „trübes Wasser, aus dem
hier geschöpft wird“. Ein Alois Kemmer aus Ochsenfurt schreibt in einem
Leserbrief, die Main-Post sei „mit dem Abdruck der Anzeige ... wirklich ganz
von Gott verlassen gewesen“.
Die Kirche beabsichtigte wohl zunächst nur, ihre „eigene“ Klientel mit den
Verleumdungen gegen die neuartigen Ketzer einzuschwören. Mit einer
öffentlichen Auseinandersetzung hatte man offenbar nicht gerechnet. Doch
welche Möglichkeit der Entgegnung bleibt einer Minderheit, die weder über
ein auflagenstarkes eigenes Presseorgan noch über eine Presseagentur mit
entsprechenden Kontakten zur Tagespresse verfügt? Eine bezahlte Anzeige.
Diese Anzeige ruft nun auch den lutherischen Pfarrer Haack aus München
erstmalig auf den Plan. Am 12. Juli 1982 steht in der Lohrer Zeitung zu
lesen, diese Anzeige habe ihn, Pfarrer Haack, „veranlasst, Christen vor
dieser Sekte zu warnen“. Es handle sich hier „um eine neue spiritistische
Sekte“, die „hinduistisches und christliches Gedankengut vermische.“
Auch dies ist eine Projektion – denn kaum eine Weltreligion hat so viel
fremdes Gedankengut aufgenommen wie die römisch-katholische Staatskirche,
von der sich auch die lutherische Kirche herleitet. Zudem ist es die Schuld
der Kirche, dass das angeblich nur „hinduistische“ Gesetz von Saat und Ernte
(oder: Karma-Gesetz) den Gläubigen meist unterschlagen wird, obwohl es an
zahlreichen Stellen in der Bibel zu finden ist, so etwa im Galaterbrief:
„Was der Mensch sät, das wird er ernten.“ Und das Wissen um die
Reinkarnation findet sich vor allem in frühchristlicher Literatur außerhalb
der Bibel und wurde erst im 6. Jahrhundert aus der kirchlichen Lehre
verbannt.
Haack warnt vor dem „Absolutheitsanspruch solcher pseudoprophetischer und
pseudooffenbarerischer Bewegungen“ und vor einer Lehre, die nach seiner
Meinung „oft sämtliche Lebensbereiche in Beschlag lege“.
Als ob das nicht das Ziel jeglicher Religion wäre: dem Menschen Anleitung
für ein gottgewolltes Leben in allen Bereichen zu geben.
Doch ansonsten überlässt Haack die Bearbeitung dieses „Falles“ vorläufig
noch seinem Inquisitorkollegen Magnis in Würzburg. Der erklärt am Telefon
gegenüber einem Mitarbeiter des Heimholungswerkes ganz offen, dass er sich
wünschen würde, diese Bewegung innerhalb der Kirche zu sehen. (Ähnliches
ereignete sich einige Jahre später.*) Doch dieser Umarmungsversuch bleibt
ohne Reaktion. Magnis gibt im September 1984 eine Schrift der „Frau aller
Völker“ heraus mit dem Titel: „Kritische Stellungnahmen zum angeblichen
Heimholungswerk Jesu Christi oder auch Innere Geist-Jesu-Kirche“. Bereits im
Titel offenbart sich der gräflich-sträfliche Umgang mit der Wahrheit: Nicht
einmal den Begriff „Innere Geist=Christus-Kirche“ vermag er richtig
abzuschreiben.
In dieser Schmähschrift wird die Prophetin Gabriele als eine
„bedauernswerte, unserem Gebet anvertraute Frau“ hingestellt, so dass „...
eine öffentliche Auseinandersetzung mit ihr uns grausam und unbarmherzig
erschiene“. Die Lehre, die sie verkünde, sei ein „zusammengeflicktes
Denkgebäude aus östlichen Weisheiten, christlichen Schriftstellen,
alternativen Gesundheitsvorschlägen“ – hier wird ausgerechnet aus vielen
Dutzend in der Schrift „Erkenne und heile dich selbst durch die Kraft des
Geistes“ erwähnten Heilpflanzen die Stelle ausgewählt: „Weidenröschenduft
stärkt die Prostata.“ (Was wohl ein Psychologe über die sexuellen
Hintergründe dieser Auswahl sagen würde? Der Würzburger Bischof Scheele
erhält jedenfalls in einem Antwortschreiben des Heimholungswerkes Fotokopien
aus einem von einem katholischen Pfarramt gutgeheißenen Naturheilkundebuch,
die diese Heilwirkung für die Prostata bestätigen.) Die Lehre des
Heimholungswerkes, so Magnis weiter, baue „auf Haß gegen die Katholische
Kirche“, es sei ein „falscher Geist“, der hier rede und sich „lügnerisch als
Geist-Jesus“ ausgebe. (Wie unsauber Magnis arbeitet, sieht man bis in die
Wortwahl hinein: Der Begriff „Geist-Jesus“ ist im Heimholungswerk
unbekannt.) Gabriele wird unterstellt, sie würde sich selbst als
„spiritistisches Medium Jesu“ bezeichnen – obwohl sie so etwas nie gesagt
hat. Vor lauter Verleumdungseifer verheddert Magnis sich in Widersprüche:
Einerseits sollen die Offenbarungen „so langweilig“ sein, „dass Zuhörer in
sanften Schlummer versinken“. Andererseits ließen sich die „Schlichten,
Gutgläubigen“ durch die „magische Atmosphäre“ verzaubern. (Zwischen diesen
Polen bewegt sich ohne Zweifel ein normaler katholischer Gottesdienst.)
Magnis spricht von einer „Gehirnwäsche-Programmierung“ und behauptet:
„Alles, was die Prophetin ihren Anhängern verkündet, muß kritiklos
angenommen werden.“ So werde „das kritische Bewusstsein ausgeschaltet“, die
Anhänger würden „computerhaft mit den Lehren aufgeladen“.
Als „Beleg“ für solche Behauptungen führt Magnis lediglich an, dass es nach
Auffassung der Urchristen keinen Sinn hat, über offenbarte Wahrheiten zu
diskutieren, weil es sich dabei um Glaubensfragen handelt, die einer
wissenschaftlichen Beweisführung unzugänglich sind. Man kann daran glauben
oder auch nicht, aber man braucht darüber kein Streitgespräch zu führen. Der
Graf unterstellt also seinen Lesern, dass sie zwischen der
Annahme einer
Lehre und der Diskussion darüber nicht unterscheiden können. Doch mit seinen
Behauptungen über die angebliche „Gehirnwäsche“, die nach wissenschaftlicher
Erkenntnis gar nicht möglich ist 273, liegt er voll im Trend der damaligen
Kampagnen gegen die „Jugendsekten“. Magnis beweist jedoch auch eigene
verleumderische Kreativität, indem er das Gottesbild der Urchristen auf
einen „geistig-göttlichen Äther“ verkürzt und diesem dann den „persönlichen
Gott“ der Kirche gegenüberstellt. In Wirklichkeit glauben auch Urchristen
sehr wohl an einen persönlichen Gott – wenn auch nicht an den katholischen
Gott der „ewigen Verdammnis“. Der „unpersönliche Gott“ ist demgegenüber der
ewig fließende Gottesgeist, der alles Sein durchströmt. Doch einen
Inquisitor interessiert nicht die Wahrheit, sondern die Verächtlichmachung
der Andersgläubigen, nicht zuletzt durch Wortverdrehungen.
An dieser Stelle sei angemerkt, dass in diesem Buch auf eine ausführliche
Einführung in den Glauben der Urchristen verzichtet wird. Dem Leser wird
sich ohnehin der urchristliche Glaube in wesentlichen Aspekten sozusagen
indirekt erschließen – als Richtigstellung der Lügen kirchlicher
Rufmordbeauftragter. Der Leser erhält zu den Behauptungen der
Kirchenvertreter jeweils die Tatsachen gegenübergestellt, so dass er sich
ein eigenes Bild machen kann.
Die Verleumdungswelle rollt weiter. Das Heimholungswerk wird im Herbst 1982
zu einer festen Rubrik im Katholischen Sonntagsblatt Würzburgs. Unter der
Überschrift „Die fixe Idee“ schreibt Jutta Falke am 3. Oktober über die
„Verlockungen“ des Heimholungswerks. Sie räumt zwar ein, dass auch die
„echten Mystiker“ von einem „inneren Wort“ gewusst hätten. Doch es sei viel
zu gefährlich, sich damit ohne die „Amtsautorität der Kirche“ zu befassen.
Das „Dämonische“ lauere hier auf den Menschen und man könne in eine
„Geisteskrankheit“ fallen, wenn man es auf eigene Faust versuche.
Im Klartext: Solange so etwas im Schoß der Kirche erfolgt, kann man ja
darüber reden. Aber außerhalb kann es nur „dämonisch“ sein – so wie auch
Jesus von Nazareth von den Schriftgelehrten als „teuflisch“ verleumdet
wurde, als sie Ihm z.B. unterstellten, dass Er mit Beelzebub Dämonen
austreibe.
Noch ist die Argumentation stark auf den katholischen Leser abgestellt. Die
Nicht-Anerkennung der Jungfrauengeburt durch das Heimholungswerk wird als
„größte Lüge des HHW“ bezeichnet – als ob man den Wahrheitsgehalt eines
solchen Glaubens-Dogmas in irgendeiner Weise beweisen könnte. Die Gläubigen
werden vor einem „bedingungslosen, blinden Gehorsam“ gewarnt (und das
ausgerechnet in einer katholischen Zeitung) und davor, dass ihr „Idealismus
missbraucht“ werden könne. Man habe das Recht, sich von „Menschen mit einer
fixen Idee ... fernzuhalten“, wenn die „Gefahr der Ansteckung besteht“.
„Ansteckungsgefahr“ – davor hatten auch die Inquisitoren des Mittelalters
die Gläubigen gewarnt. Doch eine rein theologische Argumentationsweise
beeindruckt den heutigen Menschen kaum mehr. Also legt man nach. Jutta Falke
behauptet im November 1982, im Heimholungswerk würden „Familien zerbrechen“,
die Anhänger handelten „der eigenen Familie gegenüber herzlos, verlassen und
zerstören sie dadurch oder tyrannisieren die Ihren mit ihren falschen
Lehren“. Besonders herzlos verhalte man sich gegenüber der katholischen
Kirche, ja man verwende – der Höhepunkt des Frevels – bei seiner
Kirchenkritik sogar die Aussagen atheistischer Autoren!
Der Vorwurf der „Familienzerstörung“ fällt aber auf die Kirche selbst zurück
– schon allein, wenn man sich die Scheidungszahlen katholischer Ehepaare vor
Augen hält. Er entpuppt sich zudem als zynische Heuchelei, wenn man weiß,
was die kirchliche Rufmordarbeit allein bei der Familie der Prophetin
bereits in dieser Anfangszeit angerichtet hatte.
Gabrieles Mann, erfolgreicher Leiter eines Konzernunternehmens, wurde von
seinen Vorgesetzten vor die Entscheidung gestellt: Entweder er ist für den
Betrieb, oder er unterstützt das Tun seiner Frau. Damit der Ernährer der
Familie nicht arbeitslos auf der Straße landete, distanzierte er sich von
seiner Frau. Gabriele selbst schrieb viele Jahre später in einem Brief an
den lutherischen Rufmordbeauftragten Behnk über diese Zeit: „Mein Mann
traute sich nicht mehr, sich mit mir sehen zu lassen, weil er seiner Firma
das von ihr geforderte Versprechen gegeben hatte, sich von meinem Wirken zu
distanzieren. ... Durch dieses von meinem Mann geforderte Verhalten trat
nach einer geraumen Zeit eine andere Frau in sein Leben. Das bedeutet für
mich, das Haus, das Heim und die Familie zu verlassen. ... Meine Familie
trifft sich nicht einmal mehr. ... Ich bin eine Ausgestoßene geworden –
durch die Hetzjagd der modernen Menschenjäger.“ 274
Wir werden später sehen 275, dass der Verfolgungsfanatismus solcher
Menschenjäger Gabriele auch in ihrer weiteren irdischen Familie, an ihrem
Herkunftsort, zur Ausgestoßenen machte. Es ist der erste, aber nicht der
letzte Fall, in dem die Kirche die Familie eines Urchristen zerstörte – und
nicht umgekehrt dieser die Zerstörung verursachte, wie es von kirchlicher
Seite frech und verleumderisch behauptet wird.
Und ein Weiteres wird dadurch deutlich: Die spätere Errichtung eigener,
urchristlich geführter Betriebe war nicht nur ein wichtiger Schritt in
Richtung eines gelebten Urchristentums – sie war auch für die Menschen, die
sich offen für das Heimholungswerk bzw. das Universelle Leben einsetzten,
bald eine existenzielle Notwendigkeit. Als Gabrieles Ehe durch Druck von
kirchlicher Seite zerbrach, gab es solche Betriebe jedoch noch nicht.
Direkte Pression auf den privaten Bereich gehört offenbar zu einer echten
katholischen Rufmordkampagne. Graf Magnis begann jedenfalls damit,
Zeitungsausschnitte des Sonntagsblatts an verschiedene ihm offenbar bekannt
gewordene Adressen von Mitarbeitern und Sympathisanten des Heimholungswerkes
zu versenden. Als einige der auf diese Weise Belästigten dazu übergingen,
die Annahme weiterer Zuschriften zu verweigern und sie mit dem Vermerk
„Zurück an Absender“ zurückzuschicken, deutete dies Jutta Falke im nächsten
Artikel prompt als: „Gespräche werden abgelehnt.“
Das erste Gift ist ausgestreut. Doch die Urchristen lassen sich nicht
einschüchtern. Sie machen mit Handzetteln und Kleinanzeigen die Bevölkerung
auf die neue Botschaft aufmerksam. Als eine Marketingfirma aus Limburg im
März 1983 auf das Heimholungswerk zugeht und diesem vorschlägt, auf einem
Plakat für „Krebsvorsorge“ eine Anzeige über „urchristliche Glaubensheilung“
zu veröffentlichen, stimmen die Angesprochenen zu. Das Plakat wird in vielen
Arztpraxen ausgehängt. Prompt meldet sich die Katholische
Nachrichtenagentur
und verbreitet eine „Warnung“ des Bischöflichen Ordinariates Würzburg „vor
Wunderheilern“. Darin heißt es, eine Prophetin spreche „in Trance“ und
erteile Ratschläge zur Gesundheit. Man verspreche „Heilungen wie im
Urchristentum“. „Wenn die Heilung bei dem gutgläubig hilfesuchenden Kranken
ausbleibt, wird diesem gesagt, sein Glaube reiche nicht aus.“
Auch hier wird wieder ein ganzer Sack voll Lügen auf engstem Raum
ausgeschüttet. Die Urchristen führen zwar tatsächlich Veranstaltungen durch,
auf denen sie für heilungsuchende Menschen beten, so wie dies Jesus und
Seine Jünger getan haben. Doch keinem wird eine Heilung versprochen. Es wird
auch niemandem ein “mangelnder Glaube“ vorgeworfen. Es wird den Menschen
lediglich erklärt, dass es zunächst um die Heilung der Seele geht. Reinigt
sich diese von ihren Belastungen, so kann auch der Körper Linderung oder
Heilung erfahren, so es für die Seele des Menschen gut ist.
Im Übrigen spricht die Prophetin Gabriele nicht in Trance, sondern im vollen
Wachbewusstsein. Dieser Umstand ist keineswegs unwesentlich, sondern ein
Kennzeichen wahrer Gottesprophetie. Es zeigt sich nämlich darin, dass Gott
den freien Willen jedes Menschen respektiert. Was Er durch einen Propheten
ausspricht, das soll dieser auch wissen.
Die Kirche reagiert nicht von ungefähr beim Thema „Heilung wie im
Urchristentum“ so allergisch. Denn es handelt sich hier um einen der
„uneingelösten Schuldscheine der Kirche“, wie es der Kirchenhistoriker
Walter Nigg ausdrückte. Heilung durch Gebet und Glauben war im frühen
Christentum selbstverständlich. Doch sehr bald ging sie verloren. Wer sie
heute wieder belebt, muss offensichtlich von der Kirche bekämpft werden –
zumindest, wenn er dies außerhalb der Institution Kirche tut. Hinter den
Kulissen erstattete das Ordinariat Würzburg deshalb Strafanzeige gegen
Gabriele wegen angeblichen Verstoßes gegen das Heilpraktikergesetz. Als die
Urchristen jedoch nachwiesen, dass Jesus selbst in der Bibel den Auftrag zum
Heilen an Seine Jünger gab, dass es auch heute in zahlreichen Konfessionen –
vor allem Pfingstkirchen – und auch innerhalb der Kirche in charismatischen
Strömungen „Heilungsgottesdienste“ und Handauflegen gibt, war dieser
juristische Angriff vom Tisch.
Aber publizistisch geht der Angriff weiter. Auch die lutherische Kirche mag
von frühchristlicher Religionsäußerung nichts wissen. So etwas passt wohl
nicht in die „aufgeklärt-rationalistische“ Theologie unserer Tage. Der
Evangelische Pressedienst (epd) übernimmt die erwähnte Meldung (S. 153) der
KNA, die so in zahlreichen Tageszeitungen vor allem des süddeutschen Raumes
abgedruckt wird. Als auch in Bonn zu Veranstaltungen mit
Heilungs-Meditationen eingeladen wird, reagiert Pastor Keden, den wir
bereits als Mitglied der bundesweiten Anti-Sekten-Seilschaft des Pfarrer
Haack kennen gelernt haben. 276 Er greift als erstes die Stadt Bonn an, die
es gewagt hat, dem Heimholungswerk Räume im Altstadtcenter zu vermieten. Die
Stadt verteidigt sich zwar: Man lehne es ab, „die politische oder religiöse
Überzeugung des Mieters zu prüfen“, und aus dem Vertrag könne man nicht
heraus. Doch man will auch keinen Ärger: Für weitere Veranstaltungen werde
man keine Räume mehr zur Verfügung stellen. 277 Mehr auf Kedens Linie ist da
schon Hermann Reifferscheidt, der Leiter des städtischen Jugendamtes: Er
habe „keine Zweifel, dass die Stadt rechtliche Konsequenzen gegen das
‚Heimholungswerk Jesu Christi’ ziehen wird, wenn sie davon überzeugt ist,
dass es sich um eine jugendgefährdende Sekte handelt“. 278 Welche
„Konsequenzen“ das sein könnten, will er der Presse jedoch nicht sagen. Für
tiefere Griffe in die Verleumdungskiste ist ja der Pastor zuständig. Keden
spricht von „Seelenfängern“, durch die junge Menschen „in eine kritiklose
Abhängigkeit“ geraten könnten. Die Prophetin leide unter „religiösen
Wahnvorstellungen“, die Meditationen seien mit „okkultistischen Elementen
gespickt“. 279
Das Heimholungswerk antwortet mit einer öffentlichen Veranstaltung, auf der
die Urchristen zu den Verleumdungen Stellung beziehen. Es kommen 300 Bürger
– doch wie berichtet die Presse? „Heimholungswerk kämpft gegen Pastor Keden“
lautet die Schlagzeile der Bonner Rundschau am 23.4.83. Man habe sich auf
den Jugendpastor „eingeschossen“ und „gerichtliche Schritte angedroht“. Über
die an diesem Abend ausführlich vorgetragenen Tatsachen und
Richtigstellungen wird kein Satz geschrieben.
Die Presse spielt genau die Rolle, die ihr die Kirche zugedacht hat – gute
Voraussetzungen für Keden, das Feuer weiter zu schüren. Über den
Arbeitskreis gegen destruktive Kulte in Bonn gibt er eine Broschüre über
„Jugendsekten“ heraus, in der er dem Heimholungswerk unterstellt, es ginge
ihm nur um Besitz und Vermögen seiner Anhänger. In seiner Darstellung der
Lehre des Heimholungswerks reiht sich eine Lüge an die andere: Es werde
gelehrt, dass man „auch im irdischen Körper ... mit den Geistern
Verstorbener Kontakt aufnehmen“ könne – genau davor wird man dort aber im
Gegenteil gewarnt. Es werde behauptet, es sei „nur durch die
HHW-Meditationen Erlösung möglich“ – einen solchen Alleinvertretungsanspruch
findet man jedoch nicht im Heimholungswerk, wohl aber in der Kirche. Die auf
dem Weg nach Innen gelehrte Kontrolle der Gedanken sei eine „Unterdrückung“
negativer Gedanken – genau das ist sie nicht, denn um seine eigenen Gedanken
erfassen und bewerten zu können, muss man sie zunächst einmal wahrnehmen und
sich damit auseinandersetzen.
Immerhin weiß Keden 1983 noch, dass im Heimholungswerk eine „Wiedergeburt in
tierischer oder mineralischer Form“ abgelehnt wird. Drei Jahre später wird
er auch diesen letzten Rest an Tatsachentreue noch in eine Lüge verwandeln
und behaupten: „Ungläubige hingegen müssen damit rechnen, in ihrem nächsten
Leben eine sehr viel niedrigere Wiedergeburt zu erfahren, etwa als Pflanze
oder als Tier ... “ 280
Doch egal wie dummdreist oder heimtückisch Kirchenvertreter wie Magnis oder
Keden die Wahrheit verdrehen – ihre Behauptungen machen die Runde, zunächst
in Kirchenzeitungen und Pfarrbriefen. Der Münchner katholische
Rufmordbeauftragte Liebl wendet bei der Verleumdung eine besonders perfide
Methode an. Im Evangelischen Sonntagsblatt
vom 17.7.83 erwähnt er den Titel
eines Flugblatts der Urchristen, das den Titel trägt: „Christ bleiben –
Buddhist werden?“ und schließt daraus eine „Affinität des Heimholungswerks
zur fernöstlichen Religiosität“. Doch der Inhalt des Flugblattes besagt das
genaue Gegenteil: Es wird darin vor dem Eindringen östlicher
Meditationsmethoden in das Kirchenchristentum gewarnt.
Der Sprung des Themas Heimholungswerk von der Kirchenpresse in die
Tagespresse ist zu diesem Zeitpunkt noch eher selten. Am 29.11.83 gelingt er
dem Leiter einer katholischen Sozialeinrichtung in Nürnberg, der in den
Nürnberger Nachrichten behauptet, dass eine junge Frau „alle Bindungen an
Freunde und Familie“ abgeworfen habe. Die Familien seien verzweifelt, jede
häusliche Diskussion ende im Streit. Es ist einer jener Fälle, die – wie in
der mittelalterlichen Inquisition – anonym präsentiert werden, so dass eine
Entgegnung gar nicht möglich ist: Wer soll hier gemeint sein? Es ist
bezeichnend, dass es dem Caritasdirektor nicht in den Sinn kommt, seinen
eigenen Neffen, der im Heimholungswerk aktiv ist, zu diesem Thema zu
befragen, ehe er an die Öffentlichkeit geht. Statt dessen lobt er die gute
Zusammenarbeit mit Pfarrer Haack in München.
Der wird im März 1984 mit seiner „Elterninitiative“ 281 in Würzburg aktiv.
Dort ist das Gerücht entstanden, das Heimholungswerk wolle ein Schwimmbad
kaufen. Über die schwierige Frage, was eine Glaubensgemeinschaft mit einem
Schwimmbad anfangen soll, denken die fleißigen Gerüchtemacher nicht nach.
Auch in den kommenden Jahren werden die Gerüchteköche immer wieder in Aktion
treten, wenn irgendwo im unterfränkischen Raum eine Immobilie zum Verkauf
steht – und die Käufer und Verkäufer werden pflichtschuldigst erklären, dass
sie mit dem Heimholungswerk nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Böse
Zungen meinen sogar zu wissen, dass solche Gerüchte auch schon mal
absichtlich ausgestreut werden – um die Preise dadurch in die Höhe zu
treiben oder ein „günstiges“ Kaufklima zu schaffen, denn: Die „Sekte“ darf
es nicht bekommen!
Junge Union und Elterninitiative greifen derlei Unsinn begierig auf, um
„gegen das Vorhaben mobil“ zu machen und z.B. zu fordern: „Kein
Sektenzentrum in das SV-05-Bad!“ Der JU-Aktivist Udo Schuster, ein
gelehriger Schüler Haacks, sieht eine Möglichkeit, sich zu profilieren. Er
warnt vor der „gefährlichen Psychosekte“, die „die Sehnsucht gerade junger
Menschen nach Sinngebung und Geborgenheit schamlos für die finanziellen
Interessen und die Machtgier ... ihrer Führungsclique“ ausnütze. „Würzburg
dürfe nicht Frankens Sektenzentrum werden.“ 282 Die Urchristen antworten mit
einem Flugblatt: „Der Sektenwahn schlägt immer neue Kapriolen! Kauft das
Heimholungswerk Jesu Christi demnächst ganz Würzburg auf?“
Bekommen die Kirchen im „schwarzen“ Würzburg doch langsam kalte Füße? Nun
greift die lutherische Kirche das Thema „Sekten“ auf und macht es zum
Schwerpunkt der „17. Mainfränkischen Glaubenskonferenz“ im März 1984. Als
Referenten holt man Pfarrer Reimer von der Evangelischen Zentralstelle für
Weltanschauungsfragen in Stuttgart. Reimer bleibt bei seinen Argumenten
gegen das Heimholungswerk eher im theologischen Bereich, will die
Offenbarungen an die „Prüfung durch die Gemeinde“ gebunden sehen (wobei er
unter „Gemeinde“ natürlich die Kirche versteht), bezeichnet ansonsten die
Urchristen als „eine Glaubensgruppe wie jede andere“. Ein Jahr zuvor hatte
man vier Mitarbeitern des Heimholungswerkes Gelegenheit gegeben, auf einer
Tagung der Zentralstelle in Würzburg ihren Glauben in Kurzreferaten
darzustellen. Das blieb übrigens in der gesamten Zeit von der Gründung des
Heimholungswerkes bis zum heutigen Tag das einzige Mal, dass eine offizielle
Kirchenstelle sich auf ein normales Gespräch mit den „Ketzern“ einließ. Die
Ergebnisse, auch das ist bezeichnend, behielt man dann aber doch lieber für
sich.
Nun ist der evangelische Theologe Reimer, was den Kampf gegen religiöse
Minderheiten angeht, kein unbeschriebenes Blatt. Doch hat er offenbar einen
gewissen Ruf zu verlieren und hält sich zurück. Das scheinen die Katholiken
geahnt zu haben. Denn nun geschieht etwas Bemerkenswertes: Am selben
Wochenende, an dem Reimers Vortrag stattfindet, veranstalten die Domschule
und das Bischöfliche Jugendamt eine „Akademietagung“ in Würzburg – ebenfalls
zum Thema „Sekten“! Und wen laden sie ein? Den lutherischen Pfarrer Haack!
Die Main-Post nennt ihn sogleich den „besten Kenner der Okkultismus- und
Sektenszene im deutschsprachigen Raum“.
Der Kampf, der innerhalb der Kirchen um die „Lufthoheit“ im
Verleumdungskrieg gegen die „Sekten“ stattfindet, wird sozusagen auf dem
Rücken des Heimholungswerkes ausgetragen. Der Vorgang hat Symbolcharakter:
Die Hardliner setzen sich durch. Sie pfeifen die schrilleren Töne, erfinden
die griffigeren Verleumdungen, haben die bessere Rufmordstrategie, kommen
eher in die Presse. So wie Pfarrer Haack am 20.3.84 in die
Main-Post.
Zunächst bereitet der Journalist Martin Vogler den Boden vor mit Sprüchen
wie „Psycho-Gemischtwarenläden“ oder „Guru-Bewegungen“ mit
„bonbonrosafarbenen Amphibien-Rolls-Royce“, die man zwar in Unterfranken
noch nicht gesichtet habe, aber man könne ja nie wissen ... Dann verkündet
Haack, wie weiland die Inquisitoren bei ihrer ersten Predigt im Dorf, die
bekannten „Kriterien“, an denen man eine „Sekte“ untrüglich erkennen könne:
Ein „heiliger Meister“, ein „rettendes Prinzip“, eine Hierarchie, weltliche
Geschäfte ... Dass dies in Wahrheit Merkmale der Kirche sind, wurde bereits
erwähnt. 283 Dann – wie zufällig zwischendurch – der entscheidende Satz:
„Ausdrücklich warnte Haack auch vor dem ‚Heimholungswerk Jesu Christi’,
dessen selbsternannte Prophetin in Würzburg lebt.“
Damit das Eisen heiß bleibt, darf nun der selbsternannte Experte der eigenen
Konfession, Franz von Magnis, gleich zu Ostern 1984 bei der
Frühjahrsversammlung des katholischen Würzburger Diözesanrats sprechen. Er
versucht einen Widerspruch zu konstruieren zwischen der Aussage des
Heimholungswerkes, „ohne Priester, ohne Satzungen, ohne Zeremonien“
auszukommen, und dem Leben der Urchristen. Er behauptet, Gabriele habe in
einer Versammlung gesagt, es sei ein „eigener Pfarrer vom HHW eingesegnet“
worden. Dies hat Gabriele nie gesagt; es widerspricht sowohl ihrem
Sprachgebrauch als auch der durch sie gegebenen Lehre. In Wirklichkeit hatte
lediglich einer der Christusfreunde in seiner Freizeit die Aufgabe
übernommen, bei Beerdigungen (von ohnehin aus der Kirche ausgetretenen
Menschen) einige Worte zu sprechen. Weiter gibt Magnis an, es seien
„schwerste Familienkonflikte ... bekannt geworden, da, wo ein Ehepartner dem
HHW verfallen ist“. Die Prophetin gestatte ihren Anhängern „das
Stimmenhören“. Und noch etwas Neues ließ sich der Inquisitor einfallen: „Aus
der Praxis fernöstlich philosophischer Denkschulen ist bekannt, dass der
Verzicht auf tierisches Eiweiß durch Schwächung des Eigenwillens Menschen
fügsam, lenkbar und führbar machen kann. Zweifellos führt auch dieser
Eiweißentzug die Anhänger des HHW zur totalen Bereitschaft, sich lenken zu
lassen, sich den Lehren über den Weg meditativer Indoktrination zu öffnen.“
Der Widerstand der Anhänger werde „mittels Ernährungslehre, geschickter
Didaktik, Emotionen und Meditation sanft abgebaut“. 284
Woher der Graf solch skurrile Ansichten über Ernährungsweisen bezieht, sagt
er nicht. Erst drei Jahre später (S. 276 ff.) wird es bei einem
Gerichtsverfahren herauskommen. Zu Beginn der 80er Jahre ist vegetarische
Ernährung noch ein „alternatives“ Thema, mit dem sich bei älteren Katholiken
sicher Stimmung machen lässt, noch dazu in Verbindung mit
fernöstlich-esoterischer „Geheimniskrämerei“. Die gräflichen „Enthüllungen“
erinnern in fataler Weise an Hexenzauber-Geschichten früherer Zeiten – auch
damals musste man dafür keine Beweise antreten, konnte sich aber eines
begierig lauschenden Publikums sicher sein.
Im April 1984 entschließt sich Gabriele, eine Antwort auf diese und weitere
Verleumdungen zu geben – auch wenn schon abzusehen ist, dass von dieser
„Antwort an die Kirchen und ihre Vertreter“ wiederum nichts in der Presse
abgedruckt werden wird. Aus diesem Dokument mit der Überschrift „Die
Wahrheit wird siegen!“ seien einige wenige Sätze zitiert. Zum Thema
Ernährung schreibt sie:
„Es fällt auf, wie ‚ernsthaft’ unsere Kritiker um unsere Ernährung besorgt
sind. Es ist für Menschen, deren Seligkeit an Koteletts und Schinken hängt,
natürlich unvorstellbar, darauf zu verzichten. Daß z.B. die Mehrzahl der 500
Millionen Hindus und Hunderttausende hochzivilisierter Europäer und
Amerikaner ebenfalls Vegetarier sind, sollte eigentlich bekannt sein. Sind
also diese alle ‚aus Eiweißmangel’ nun ‚willensschwach’ und womöglich denen
fügig, die Fleischesser sind? – Da nach der Behauptung meiner Kritiker ich
eine ‚totale Unterwerfung’ ‚meiner Anhänger’ fordere und auch erreiche,
dürfte dies doch in Widerspruch dazu stehen, dass ich als Vegetarierin
selbst auch willensschwach sein muß.“
Zum Thema „Stimmen hören“:
„Es geht nicht um ‚Stimmenhören’, sondern um das Hören der Stimme Gottes.
... Auch Paulus bezeugt, dass in der Urgemeinde der Heilige Geist durch
Menschenmund gesprochen hat. Wenn in den heutigen Kirchen niemand die Stimme
Gottes hört oder die Gabe der Weissagung hat, dann liegt dies an der Kirche
und nicht an Gott. Denn Christus lehrt uns, dass alle Menschen die Stimme
ihres Vaters in sich hören sollen; wenn sie das jetzt noch nicht vermögen,
dann sollten sie sich durch ein Leben nach Gottes Gesetzen reinigen ... Alle
anderen Stimmen, vor denen zu Recht, auch bei uns, gewarnt wird, werden von
noch sehr irdisch gebundenen Menschen gehört.“
Gabriele greift an dieser Stelle eine Behauptung lutherischer Theologen aus
Hessen auf, wonach das Heimholungswerk „in den Bereich des
Offenbarungsspiritismus gehöre“. 285 Dazu Gabriele:
„Diese Theologen sollten vorsichtiger sein mit ihren Zuordnungen. Sie
gründen ihren Glauben auf Gottes Wort, das nach ihrer Überzeugung in der
Bibel geoffenbart ist. – Wie hat sich nun aber Gott in der Bibel
geoffenbart? An 2500 Stellen heißt es: ‚Und Gott sprach.’ Der göttliche
Geist hat sich immer geoffenbart, in einem Menschen, der Sein Wort dann
verkündet hat; am stärksten in Jesus von Nazareth. Er hat sich in den
letzten 2000 Jahren immer wieder geoffenbart, indem Sein Geist durch
Menschen sprach, von denen einige hinterher sogar von der Kirche heilig
gesprochen worden sind. – Beim Wort genommen, ist demnach das gesamte
Christentum spiritistisch fundiert, und die Kirchen sind die größten
spiritistischen Vereinigungen. Wenn unsere Kritiker nicht in der Lage sind,
zu unterscheiden zwischen Offenbarungen, die Christus durch mich gibt, und
dem, was eine arme Seele beim Tischerücken im Vulgärspiritismus ‚offenbart’,
dann ist das ihr Problem, nicht unseres.“
Zum Thema „Familienkonflikte“:
„Die Vertreter der Institution Kirche werfen weiterhin dem Heimholungswerk
vor, es würde die Ehen zerstören, ohne Rücksicht auf wirtschaftliche Folgen.
Hierzu sei gesagt: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.
Sind etwa alle Ehen in Ordnung, die die Kirche gesegnet hat? Wo keine Liebe
ist, bewahrt der kirchliche Segen auch nicht vor Trennung. – Die Kirche hat
durch alle Jahrhunderte hindurch die Intoleranz gegenüber nicht katholischen
Ehepartnern gelehrt und geübt. Es überrascht mich nicht, dass sie dies auch
jetzt gegenüber den Anhängern des Heimholungswerkes tut. Wer Unfrieden sät,
sind die Priester, die den katholischen Ehepartner zur Intoleranz verführen.
Entspricht das der Liebe, die Jesus gelehrt hat? ... Gott sieht keine
Katholiken und Protestanten. Er liebt alle Seine Kinder gleich und will,
dass sie in Eintracht zusammenleben. ... Wäre mehr Toleranz in den Familien,
ja wäre mehr Toleranz in der Kirche, dann würde der Mann oder die Frau die
erwachte Seele des Partners den Weg zur Wahrheit wandern lassen, wenn die
rechte Liebe da ist.“
„Weshalb“, so fragt Gabriele, „gehen die Vertreter der Institution gegen das
prophetische Gotteswort und gegen unsere Aufklärungsvorträge vor? Weshalb
wehren sie sich, verwerfen das Wort Gottes und verschweigen die heilige
Botschaft? Weil sie Angst haben. Wer Angst hat, hat nicht die Wahrheit. ...
Wären sich die Vertreter der Kirche sicher, dass sie die alleinseligmachende
Gnade und Wahrheit haben, so könnten sie ruhig bleiben, da die Wahrheit
siegen wird.“
Erfahrene Inquisitoren wissen, dass der Verfolgungseifer ihrer Gläubigen
immer wieder nachlässt, wenn man das Feuer nicht nachschürt. Ihre „naiven“
Schützlinge begegnen im Alltag den „Ketzern“ und finden sie ganz nett, ganz
normal, lassen sich also täuschen und verbrüdern sich am Ende noch mit
ihnen. Weil in Würzburg nun mal die Ketzerei ausgebrochen ist, hilft man
sich in ökumenischer Eintracht: Im Juni 1984 verlegt Pfarrer Haack die
Jahrestagung „seiner“ Elterninitiative nach Würzburg – ein „Zufall“, der
sich in den darauffolgenden Jahren wiederholen wird. Sein Hauptschwerpunkt:
„Gegen den Missbrauch der Religionsfreiheit – Experten und Eltern warnen vor
den Psychokulten“, die „junge Leute in psychische Abhängigkeit“ bringen und
Kinder „verführen“. Man suche nach Wegen, „wie man jemand wieder aus dem
Glauben der Gurus befreien könne“. Doch viel wichtiger sei es, darüber zu
sprechen, „wie man die Langzeitwirkung der Seelenwäsche abbauen könne, die
von diesen totalitären Gesellschaften mit großem Geschick durchgeführt
werden“. 286
Hier taucht zum ersten Mal das Wort „totalitär“ auf. Mit untrüglichem
Instinkt hat der Verleumdungsspezialist Haack erkannt, dass dieser Begriff
in Deutschland besonderen Eindruck macht, weil er Assoziationen an die
Hitlerzeit hervorruft. „Totalitär“ wurde ursprünglich ein Staat genannt, der
all seine staatlichen Machtmittel dazu einsetzt, die Bürger mit Gewalt
gleichzuschalten und bis in ihre Privatsphäre hinein zu kontrollieren. Nun
wird dieses Wort plötzlich auf Glaubensgemeinschaften in einem freiheitlich
verfassten Staat angewendet, in dem es Gesetze gibt, die die Freiheit des
einzelnen schützen, in dem man eine Gemeinschaft verlassen kann, wenn man
sich dort eingeengt fühlt. Was also soll dieser Begriff an dieser Stelle
bedeuten? Wenn er sich auf ein totales Gewaltmonopol beziehen soll, ist er
unsinnig. Wenn er ausdrücken soll, dass eine Konfession Macht und Geld
hortet, um einen möglichst großen Einfluss auf die Gesellschaft auszuüben,
dann sind die großen Kirchen dafür das beste Beispiel – katholische
Theologen wie Küng, Greinacher oder Drewermann bezeichnen nicht ohne Grund
ihre eigene Kirche übereinstimmend als „totalitär“. Soll er aber bedeuten,
dass eine Religion Antworten und Anleitung für alle Bereiche des
menschlichen Lebens zu geben versucht, dann war auch Jesus von Nazareth in
Seiner Bergpredigt „totalitär“.
Doch welcher Zeitungsleser macht sich schon die Mühe, einen solchen Begriff
zu hinterfragen? Wer hält es, trotz der ständig sinkenden Bedeutung der
Kirchen, schon für möglich, dass ein Pfarrer verleumdet und lügt?
Um sich gegen die Verleumdungen zur Wehr zu setzen, blieb den Urchristen nur
der Weg über Zeitungsanzeigen. Am 2. Juni 1984 erschien eine solche Anzeige
in der Süddeutschen Zeitung. Pfarrer Haack wurde darin aufgefordert, zu
beweisen, dass die evangelische Kirche die Wahrheit besitzt, dass
insbesondere Martin Luther bei seinen Hetzreden gegen Juden und Bauern aus
der göttlichen Wahrheit sprach. Denn wer nicht beweisen kann, dass er selbst
aus der Wahrheit spricht, der kann auch anderen nicht die Wahrheit
absprechen. Die Urchristen boten öffentlich an, sich gemeinsam mit Pfarrer
Haack der Öffentlichkeit zu stellen.
Haack wird einer solchen Aufforderung nicht nachkommen – ebenso wenig wie
irgendwelche anderen Rufmordbeauftragten, gleich welcher Konfession. Denn
eine faire, gleichberechtigte Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit würde
für den unvoreingenommenen Beobachter sehr rasch die Unhaltbarkeit der
kirchlichen Behauptungen erkennen lassen. Der Verleumder braucht den
Hinterhalt, die unangreifbare Machtposition, die er in den von kirchlichen
Rundfunkräten und kirchlich kontrolliertem Kapital durchsetzten Medien heute
ohne weiteres genießt.
Was also tat Haack? Er flüchtete in eine neuerliche Verleumdung. Am 14. Juni
1984 war in der Süddeutschen Zeitung zu lesen:
Propheten-Wettstreit
Zu einem Wettprophezeien ist der Sektenbeauftragte der Evangelischen Kirche
in Bayern, Pfarrer Friedrich-Wilhelm Haack, von dem in Würzburg ansässigen
„Heimholungswerk Jesu Christi“ aufgefordert worden. Wie Haack erklärte, habe
ihn ein führender Vertreter der von ihm als „neuspiritistische Sekte“
eingestuften Glaubensgemeinschaft schriftlich eingeladen, in einer
gemeinsamen Veranstaltung mit der Prophetin des Heimholungswerkes sein
Können auf dem Gebiet der Weissagung unter Beweis zu stellen. An den
religiösen Vergleichstest seien bestimmte Auflagen wie vorheriges Fasten
beider Teilnehmer und völliges Ruhighalten der Beine während der
Prophezeiung gebunden gewesen. Haack, der eigenen Angaben zufolge nicht über
Spezialfähigkeiten dieser Art verfügt, lehnte die Einladung ab. Solche
Wettbewerbe, so der Sektenbeauftragte, eigneten sich „für den Zirkus oder
den Zoo“, nicht aber für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit religiösen
Fragen.
Wieder einmal eine nette, lustige Meldung, bei der man auf Kosten einer
religiösen Minderheit grinsen kann? Hätte die Süddeutsche Zeitung sich die
Mühe gemacht, beim Heimholungswerk nachzufragen, was wirklich vorlag, so
hätte sich herausgestellt: Es gab tatsächlich eine Einladung, aber schon im
September 1983. Und sie ging nicht nur an Pfarrer Haack, sondern an alle
Theologen, die bis dahin das Heimholungswerk öffentlich in den Schmutz
gezogen hatten. Die Theologen sollten freilich nicht „weissagen“ oder
„prophezeien“ – sie sollten sich gemeinsam mit der Prophetin Gottes der
Öffentlichkeit stellen und eineinhalb Stunden – auf ihre Art – über ein
geistiges Thema sprechen, das ihnen erst kurz zuvor bekannt gegeben werden
sollte. Denn auch die Prophetin erfährt bei großen Offenbarungen erst kurz
zuvor aus ihrem Inneren, was das Thema sein wird. Die Theologen sollten auch
nicht „fasten“, sondern unter den gleichen äußeren Bedingungen zu diesem
Vergleich antreten wie Gabriele, also nur mit einem leichten Frühstück. Wie
Gabriele sollten sie ohne Redekonzept vor den Zuhörern stehen und mit
geschlossenen Augen, über lange Zeit erhobenen Händen und ohne Bewegen der
Beine zu ihnen sprechen – so, wie dies Gabriele während großer Offenbarungen
im In- und Ausland regelmäßig tat. Den Theologen wurde der Text einer
Offenbarung des Christus Gottes mit übersandt, in der es hieß:
„Mein Wort und Meine Lehre in der Jetztzeit werden verworfen und Meine
Prophetin, Mein Instrument, verleumdet. So biete Ich allen an, das
nachzuvollziehen, was bei jeder Offenbarung in der Öffentlichkeit Meine
Prophetin, Mein Instrument, durch die Kraft meiner Liebe vollbringt. All
jene, die sich auf verwerfliche Art und Weise äußern, können sich nun Meinem
Wort stellen unter den von Mir gegebenen Kriterien, die Mein Instrument
ständig zu erfüllen hat. Alle Verleumder werden dann erkennen, woher die
Kraft und das Wort Meines Instrumentes kommen. Sie selbst können sodann
erfahren, wie weit ihre Kräfte reichen! Das soll geschehen vor einer großen
Anzahl von Zuhörern! ... Jedermann kann selbst prüfen, wo wahrlich der Geist
Gottes weht! ... Der Herr reicht allen Zweiflern, Verleumdern und all jenen,
die spotten und Niederträchtiges über Sein Werk aussprechen, noch einmal die
Hand. ... Prüfen Sie selbst! Wer hat den lebendigen Heiligen Geist in sich?
Die Theologen, die vielen Verleumder des Heimholungswerkes Jesu Christi?
Oder die Prophetin Gottes für die Jetztzeit?“
Diesem Angebot war noch der Zusatz beigefügt, dass es für unbegrenzte Zeit
gelte, „so lange, bis einer der angesprochenen Theologen die Kraft und den
Mut zur Annahme dieses Angebotes hat“.
Auf dieses Angebot gab es, wie zu erwarten war, keine Reaktion, außer der
oben zitierten aus der Süddeutschen Zeitung, ein dreiviertel Jahr später.
Der Vorgang ist ein Beispiel dafür, dass die Öffentlichkeit immer nur einen
Bruchteil dessen erfuhr, was wirklich mit dem Heimholungswerk geschah – und
wenn, dann nur in völlig verzerrter Form durch die Brille von
Kirchenvertretern.
|