Das Buch

Der Steinadler und sein Schwefelgeruch
- Das neue Mittelalter

Buch, 464 Seiten, gebunden,
mit zahlreichen Abbildungen
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ISBN 978-3-9808322-3-6

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Kapitel 3

DIE VERFOLGUNG DER URCHRISTEN IM UNIVERSELLEN LEBEN

 

Abschnitt 14
STAATLICHE INQUISITION
GEGEN URCHRISTEN

„Der Staat ist nicht der Büttel der Sektenbeauftragten“ – so hatte der bayerische Kultusminister Zehetmair seinem Herzen Luft gemacht.533 In Abwandlung eines deutschen Sprichworts könnte man sagen: Der Ausnahme-Ausspruch bestätigt die Regel. Denn in vielen Fällen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, lassen sich Staat und Politiker nur zu bereitwillig vor den Karren der kirchlichen Inquisition unserer Tage spannen.

Wir begegneten dieser Kumpanei von Staat und Kirche bereits des öfteren: dem Bürgermeister Zorn, der die Urchristen aus seinem Dorf vertrieb (S. 236 ff.), oder seinem Kollegen Gläser aus Wertheim, der schon hinter einem einzigen Bauernhof eine schreckliche Sekteninvasion vermutete (S. 260); wir stießen auf diverse CSU-Politiker534, die ihre klerikale Kinderstube gern durch Ausfälle gegen religiöse Minderheiten unter Beweis stellen, auf halbstaatliche Organe wie die Bayerische Landesanstalt für Politische Bildung (S. 365 ff.) oder manche Fernsehsender wie den Bayerischen (z.B. S. 269) oder den Hessischen Rundfunk.

Bundesregierung: Der öffentliche Pranger

Viele Bürger halten die Aussagen staatlicher Stellen für besonders glaubwürdig – und dies um so mehr, je höher diese Stelle angesiedelt ist. Um so bedenklicher ist es, wenn diese Macht von amtlichen Regierungsstellen dazu missbraucht wird, Glaubensgemeinschaften ganz im Sinne der Kirchen z.B. in öffentlichen „Warnungen“ regelrecht an den Pranger zu stellen. So behauptet Cornelia Yzer (CDU), Staatssekretärin im Bundesfamilienministerium, am 3. August 1993, der Bundesregierung lägen bezüglich des Universellen Lebens „Erkenntnisse“ vor, „die auf mögliche Gefährdungen für die Persönlichkeitsentwicklung und die sozialen Bezüge junger Menschen hindeuten.“ Dies war die Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der SPD-Abgeordneten (und späteren Bundesgesundheitsministerin) Ursula Schmidt aus Aachen, die sich offenbar mit dem „Sekten“-Thema profilieren wollte. Worin die „Erkenntnisse“ der Regierung genau bestanden und woher sie kamen, konnte oder wollte Frau Yzer nicht preisgeben, auch nicht vor Gericht, wo die Urchristen auf Unterlassung dieser Verleumdung klagten. Das Verwaltungsgericht Köln (29.3.95) konnte sich zu einer Untersagung allerdings nicht durchringen – nicht etwa, weil die Richter von der Wahrheit dieser Behauptung ausgingen, sondern weil sie annahmen, dass die Staatsekretärin die Äußerung, die im übrigen „nicht besonders ehrverletzend“ sei, ohnehin nicht wiederholen würde.535

Ein „Ketzer“ hat bekanntlich keine Ehre – was kann man da schon verletzen?

Yzer hatte bei ihrer Antwort unter anderem „die Erstellung zielgruppenorientierten Informationsmaterials“ angekündigt, was in normalem Deutsch soviel besagt wie: einen staatlichen „Sektenreport“. Den kündigt denn auch wenig später die Familienministerin Angela Merkel (CDU), lutherische Pfarrerstochter, persönlich an. „Okkulte Praktiken haben bei der Jugend Hochkonjunktur“, teilt sie der Öffentlichkeit mit. „Negative Folgen einer Mitgliedschaft können sein: Abbruch von Schul- und Berufsausbildung, radikale Persönlichkeitsveränderungen, Realitätsentfremdung, Konflikte mit Eltern, Partnern, Freunden und Kindern.“ Die Bild-Zeitung (13.9.93) gibt dem Ganzen noch die Schlagzeile: „Neue Gurus gefährden unsere Kinder.“ Kein kirchlicher Rufmordbeauftragter hätte diesen Rundumschlag, bei dem auch das „Heimholungswerk Jesu Christi“ nicht fehlen durfte, krasser formulieren können als die auf die Gleichbehandlung aller Bürger vereidigte Ministerin.

Was die spätere CDU-Vorsitzende (und noch spätere Bundeskanzlerin) Angela Merkel allerdings übersah: Die vollmundige Ankündigung („174 Seiten“) mit Aufzählung aller potenziell „gefährlichen“ Gruppen hatte einen taktischen Nachteil. Die derart verketzerten Glaubensgemeinschaften ließen sich nämlich nicht untertänigst von der selbsternannten staatlichen Inquisitorin zum öffentlichen Richtplatz führen. In ihrem Eifer hatte Merkel nicht bedacht, dass sie auch ethisch-konservative Gruppierungen wie etwa den „Verein für psychologische Menschenkenntnis“ als „Sekten“ mit verteufelt hatte, die bezüglich ihrer Kontakte zu Politikern und zur Bürokratie nicht ganz wehrlos waren. Durch eine Indiskretion gelangte der geplante Text in die Hände der angegriffenen Gruppen – und löste eine Welle von Gerichtsklagen aus.536

Die gegen das Universelle Leben vorgesehenen Seiten erwiesen sich zum einen als veraltet (daher auch die Überschrift „Heimholungswerk“), beruhten sie doch weitgehend auf einem Text, den der Jugendsenat von Berlin bereits 1988 herausgegeben hatte. Zum anderen wimmelte es darin nur so von Fehlaussagen über die urchristliche Lehre. Angeblich sollten die Seelen, die bis zum Ende der Zeiten (wenn die materielle Erde vergeht) nicht zu Gott zurückgefunden haben, „vernichtet“ werden – dabei gibt es das Konzept einer ewigen Verdammnis bei den Urchristen gerade nicht, sondern es wird gelehrt, dass alle Seelen früher oder später den Weg zurück zu Gott finden. Oder: Negative Gedanken sollen angeblich „unterdrückt“ werden – und nicht, wie in Wirklichkeit, analysiert und aufgearbeitet. Am Ende des Textes sind – ohne jede Quellenangabe – Passagen aus einem kirchlichen Lexikon über „Sekten“ 537 eingefügt, in denen unter anderem von „Heilmethoden“ die Rede ist, „die unterschiedslos an die Stelle der Schulmedizin gerückt werden“. Eine glatte Lüge, wenn man weiß, dass etwa in der urchristlichen Naturklinik bei einem Großteil der Behandlungen auch schulmedizinische Verfahren und Medikamente eingesetzt werden; dass nur etwa 10 bis 15 Prozent der Therapien rein naturheilkundlicher Art sind.

Die Gefahr der „Realitätsentfremdung“, die Merkel nicht-kirchlichen Glaubensrichtungen pauschal unterstellte, hatte offensichtlich vor allem ihr eigenes Ministerium befallen. Die Urchristen klagten gegen eine Aufnahme in den „Report“ – nicht zuletzt, weil sie, demokratischen Gepflogenheiten gemäß, vorher zumindest zu den Behauptungen angehört werden müssten. Das Verwaltungsgericht Köln (20.12.93) gab ihnen in einem Eilverfahren zunächst tatsächlich recht. Doch das Oberverwaltungsgericht Münster verweigerte ihnen im August 1995 den Rechtsschutz und verwies sie auf ein Hauptsacheverfahren, das viele Jahre gedauert hätte – allein das „Eilverfahren“ war schon auf zwei Jahre verschleppt worden! Die Richter im katholischen Münster hielten sogar die Behauptung von der angeblichen Verdrängung der Schulmedizin durch urchristliche Heilmethoden für nicht ganz abwegig – und ignorierten damit schlichtweg Gegenbeweise und eidesstattliche Versicherungen von urchristlichen Ärzten (vgl. S. 294 ff.), die das Gegenteil belegten und z.B. auf die hohe Zahl schulmedizinischer Verfahren und Medikamente in der Naturklinik in Michelrieth hinwiesen. Mehr Gehör schenkten die Richter den Behauptungen kirchlicher Rufmordbeauftragter, die das Ministerium zu seiner Verteidigung zuhauf vorlegte. Ministerialbeamte schreckten bei der „Datensammlung“ auch nicht vor regelrechter Spionage zurück, die im demokratischen Staat den Verfassungsschutzbehörden vorbehalten ist: Sie fragten bei der Würzburger Kriminalpolizei nach „Erkenntnissen“ über urchristliche Ärzte nach.538 Die Kripo gab – ein Verstoß gegen das Datenschutzgesetz – bereitwillig Auskunft; es kam allerdings ohnehin nichts Verwertbares dabei heraus.

Dennoch konnte Merkels Nachfolgerin (ab 1994) Claudia Nolte (CDU) den Report wegen anderer Verfahren noch immer nicht herausbringen – und verzichtete schließlich zugunsten der auf kirchliches Betreiben hin ins Leben gerufenen Enquetekommission des Bundestags539 gänzlich darauf. Dass der Endbericht dieser Inquisitionskommission (franz. „enquete“ und lat. „inquisitio“ haben in diesem Fall nicht umsonst dieselbe Wortwurzel) nicht zur Zufriedenheit der Kirchen ausfiel, lag nicht an der nach eigener Aussage „überzeugten Katholikin“ Nolte, die kurz vor ihrer Berufung zu Helmut Kohls jüngster Ministerin gegenüber der Illustrierten Tango (13.10.94) die Kirche gegen den Vorwurf übermäßigen Reichtums in Schutz genommen hatte: „Eine Wirtschaftsmacht ist die katholische Kirche bestimmt nicht ... Mit diesen Unterstellungen wider besseren Wissens soll die Autorität der Kirchen untergraben werden“, so Claudia Nolte. Bei den bösen „Sekten“ vermutete sie jedoch eine „finanzielle Schlagkraft“ und eine „Verbreitung im gesellschaftlichen Leben bis hin in hohe Etagen der Wirtschaft“, die fast die Form einer „Unterwanderung“ angenommen hätten.540 Jugendliche Naivität oder bewusste Volksverdummung? Fast ist man versucht, der damals 28-Jährigen aus dem Osten Deutschlands ersteres zuzuschreiben. Doch was hat sie dann in einem Ministeramt zu suchen?

Rheinland-Pfalz: Minister Galle spuckt Gift und ...

Das könnte man beim rheinland-pfälzischen Sozialminister Ulrich Galle (SPD) auch fragen, der 1993 das Staatsvolk zur flächendeckenden Denunziation aller nicht-kirchlichen Glaubensaktivitäten aufforderte541 – „zur Erleichterung liegt ... eine Rückantwortkarte bei“.542 Als dann Urchristen auf die Verleumdungen des Hessischen Rundfunks543 mit einer Gegenüberstellung von kirchlichen Verleumdungen von heute und nationalsozialistischen Verleumdungen gegen die Juden aus den frühen 30er Jahren reagierten, hielt der CDU-Fraktionsvorsitzende Hans-Otto Wilhelm eine argumentative Auseinandersetzung mit diesem Thema für völlig überflüssig und ging statt dessen geradewegs in die Luft: Dies sei „völlig unerträglich“, das Bundesland sei zu einem „Tummelplatz derartiger Gruppierungen“ geworden – und das Universelle Leben fehle gar in Galles „Sektenbroschüre“.544 Das „Versäumte“ holte Galle im März 1994 nach, indem er öffentlich vor dem Universellen Leben warnte: Es falle durch einen „totalitären Anspruch“ auf, sei „in außerordentlich aggressiver Weise gegen die katholische und evangelische Kirche“ eingestellt und versuche „durch die Gründung von Parteien (Urdemokraten) zu politischem Einfluss zu gelangen“. (Es sei daran erinnert: eine einzige Gemeinderätin in einem einzigen Dorf!) Eine Nachfrage beim Ministerium ergab, dass man dort gar keine eigenen Unterlagen hatte – man übernahm einfach die Behauptungen des katholischen Rufmordbeauftragten Christoph Bussen (Diözese Speyer), die dieser zeitgleich in der Rheinpfalz (24.3.94) darlegte – nicht ohne die dreiste Lüge hinzuzufügen, im Universellen Leben sei nicht nur der Verzehr von Fleisch, sondern auch der Gebrauch von Medikamenten „untersagt“. Sämtliche Ärzte und Patienten der von Urchristen geführten Klinik und Arztpraxen können das Gegenteil bezeugen – aber für einen katholischen Theologen gibt es eben nur eine Verbots-Ethik, etwas anderes kann er sich gar nicht vorstellen.

Die kirchlichen Nachrichtenagenturen griffen all diese Lügen wieder begierig auf – das bekannte Rufmord-Karussell setzte sich einmal mehr in Gang. Eine Anrufung der Gerichte erwies sich wiederum als erfolglos: Das Verwaltungsgericht Mainz (8.6.94) beanstandete, die Urchristen hätten nicht glaubhaft gemacht, dass das Ministerium seine Äußerung wiederholen würde – obwohl dieses noch im Prozess erklärt hatte, es sei weiterhin notwendig, vor dem Universellen Leben zu warnen.545 Das Oberverwaltungsgericht Koblenz hingegen beschied (8.8.94), es sei dem Universellen Leben zuzumuten, ein mehrere Jahre dauerndes Hauptsacheverfahren zu führen – nach dem Motto der mittelalterlichen Inquisitionsrichter: Wir können es ruhig dahingestellt lassen, ob der „Ketzer“ sogleich den Tod verdient hat; wir lassen ihn erst mal ein paar Jahre in den Rufmord-Kerker einsperren, dort wird er im Dreck der Verunglimpfungen schon von selbst verfaulen.

Minister Galle hielt derweil in Mainz eine „Fachtagung“ über „neureligiöse Gruppen“ ab – mit „Experten“ wie Bussen und Helga Lerchenmüller546 – und erklärte „Jugendsekten“ für „schlicht überflüssig“.547 Ob der Minister einmal darüber nachgedacht hat, dass sich hinter dem Schimpfwort „Jugendsekte“ schlicht Menschen verbergen, die nach ihrem Glauben leben wollen? Was wäre gewesen, wenn er z.B. Arbeitslose, Ausländer, Behinderte, Vertriebenenverbände oder CDU-Mitglieder für „schlicht überflüssig“ erklärt hätte? Sein damaliger Ministerpräsident, der spätere Verteidigungsminister Rudolf Scharping, hätte ihn wohl umgehend gefeuert. Es ist bezeichnend für das Klima gegenüber religiösen Minderheiten, dass derlei faschistoide Äußerungen bei niemandem Protest auslösen.

In seiner Menschenverachtung wird Minister Galle nur noch von der Jungen Union überboten, die 1993 eine Broschüre mit dem vielsagenden Titel „(In)sekten – nein danke!“ herausbringt – mit einer leibhaftigen Fliegenklatsche und drei Insekten auf dem Titelblatt!

Galles Nachfolgerin im Amt des Sozialministers, Rose Götte, (SPD) verstieg sich sogar zu einer öffentlichen Warnung vor den Marktständen der Firma Gut zum Leben 548, die der evangelische Pressedienst gerne in Umlauf brachte.549 Und auch Göttes Nachfolgerin, Arbeitsministerin Malu Dreyer (SPD), hielt im Mai 2002 die „Geschäftstätigkeit“ von Urchristen in Frankenthal550 für „sehr problematisch“.551 Irgendwelche Beweise oder Begründungen kann auch sie nicht anführen; sie verlässt sich einzig auf Verleumdungen von kirchlicher Seite. Es scheint, dass die Kirchenhörigkeit der rheinland-pfälzischen Regierung nicht auf Entgleisungen von Einzelpersonen beruht, sondern System hat.

Und entsprechende Folgen. Was eine Landesregierung verkündet, wird auf kommunaler Ebene einfach nachgebetet; seinen eigenen Verstand schaltet dort kaum noch jemand ein. Welche Auswirkungen regierungsamtliche Verketzerungen im obrigkeitshörigen Deutschland haben, zeigt das Beispiel der Stadt Überlingen: Oberbürgermeister Patzel verweigerte dem Universellen Leben im Oktober 1994 die weitere Anmietung städtischer Räume mit der „Begründung“, man habe „alle ... verfügbaren öffentlichen Erkenntnisquellen geprüft, insbesondere eine Veröffentlichung in der Illustrierten ‚Stern’552“ sowie „Informationen ... aus anderen Bundesländern“ – gemeint war, wie eine Nachfrage ergab, Rheinland-Pfalz. (Armes Deutschland, wenn es nur über kirchliche „Erkenntnisquellen“ zu verfügen meint.)

Schleswig-Holstein: Bundesverdienstkreuz für „Sekten“-Hatz?

Deshalb fanden sich die Urchristen auch nicht mit dem „Bericht ... über Aktivitäten von Sekten in Schleswig-Holstein“ ab, den die dortige Landesregierung 1995 veröffentlichte. Nicht nur, weil dort wieder die Behauptungen aus dem erwähnten kirchlichen Lexikon abgeschrieben wurden, der „angestrebte Christusstaat“ solle „auch politische Wirklichkeit“ werden, oder „neue geoffenbarte Heilmethoden“ sollten „an die Stelle der Schulmedizin“ treten. Sondern auch, weil erfahrungsgemäß die bloße Erwähnung in einem staatlichen Bericht, und sei sie noch so inhaltsleer oder sogar harmlos, bereits völlig genügt, eine Glaubensgemeinschaft in den Augen vieler Bürger und Behörden als aussätzig abzustempeln.

Obwohl die Urchristen wiederum ein Eilverfahren anstrengen, lässt sich das Verwaltungsgericht Kiel ein halbes Jahr Zeit – und lehnt dann den Antrag ab mit der „Begründung“, dass die Kläger nicht gegen den als Herausgeber firmierenden Verlag, sondern gegen die Landesregierung direkt vorgegangen seien. Dass die Regierung den Bericht auf Anfrage ebenfalls versendete, interessierte das Gericht nicht. Im März 1996 gingen die Urchristen dann vor dem Oberverwaltungsgericht Schleswig notgedrungen einen Kompromiss ein: Die Landesregierung darf weitere Auflagen publizieren, muss allerdings die (oben erwähnten) schlimmsten Verleumdungen unterlassen.

Doch was so eine Landesregierung sich da aus den Giftschränken der kirchlichen Inquisitoren zusammenschustert, ist nicht irgendein unbedeutender Bericht von vielen. Wie sehr Behörden und Politiker sich dann auf Exposés verlassen, die auf solche Weise entstanden sind, wird an einem Mustervertrag deutlich, der Mitte 1996 allen Ausstellern auf einer Esoterikmesse in Lübeck vorgelegt wurde: „Der Veranstalter hat dafür Sorge zu tragen, dass Aussteller, die für Sekten werben, vor denen die Bundes- oder Landesregierung warnt, nicht an der Veranstaltung teilnehmen. ... Auf die Drucksache ... des Deutschen Bundestages wird hingewiesen.“ In Lübeck sorgt ein eigener städtischer „Beauftragter des Jugendamtes für Sekten und Psychokulte“, Eberhard Arent, für stramm kirchlichen Kurs.

Bezeichnend für die Kirchenhörigkeit fast aller deutschen Regierungsstellen in Bezug auf religiöse Minderheiten ist, was der „Sektenbeauftragte“ von Schleswig-Holstein, Hans-Peter Bartels, im Februar 1996 zu einer geplanten Tagung in Nordfriesland zum Thema „Neue religiöse Bewegungen und Psychokulte“ zu sagen hat. Obwohl der Untertitel „Die Seelenfresser kommen?“, durch ein Fragezeichen nur notdürftig kaschiert, an Stimmungsmache nichts zu wünschen übrig lässt, nimmt der SPD-Politiker Bartels daran Anstoß, dass die „umstrittenen Sekten“ sich selbst vorstellen dürfen: Er lehne es kategorisch ab, „Sekten überhaupt eine Plattform zu bieten“.553 Wo bleibt hier der weltanschaulich neutrale Staat und der mündige Bürger?

Als Bartels 1998 in den Bundestag wechselt, wollen die Grünen im Landtag immerhin die „Sekten“-Stelle abschaffen, da sie aufgrund der Ergebnisse der Enquetekommission Zweifel haben, „ob von neuen religiösen und weltanschaulichen Bewegungen überhaupt Gefahren ausgehen“.554 Doch die regierende SPD meint: „Die Beobachtung gefährlicher Sekten einzustellen, wäre fahrlässig.“ Bartels Nachfolger Matthias Knothe haut denn auch wieder auf den Putz, wie die Kirchen es von ihm erwarten: “Wir beobachten die Entstehung von Verkaufs- und Vermarktungsbetrieben mit streng hierarchischem Aufbau, die sektenähnliche Strukturen aufweisen.“ 555 Ob er damit vielleicht Weltenburger Klosterbier gemeint hat, ist dem Artikel nicht zu entnehmen. Sein Vorgänger Bartels kann indes auch als Parlamentarier nicht von dem liebgewordenen Thema lassen. In der Neuen Zürcher Zeitung (18.1.02) wirft er neue religiöse Bewegungen mit islamistischem Terrorismus in eine Topf: „Islamisten in ihren zahllosen, aggressiven, einander ausschließenden und bekämpfenden Gruppen und Splitterorganisationen sind nicht selten gefährliche Sektierer, wie andere auch. ... Das Heilsversprechen des Meisters wird mit einem exklusiven Absolutheitsanspruch vertreten.“ Es folgt eine Reihe weiterer Klischees, die am ehesten noch auf die katholische Kirche zutreffen, die hier aber schlicht auf alle „Sekten“ einschließlich der rechtsradikalen Szene projiziert werden. Für seine Verdienste als staatlicher „Sektenbeauftragter“ erhält Bartels das Bundesverdienstkreuz. Prof. Martin Kriele merkt zu seinen „Verdiensten“ kritisch an, dass zu Bartels Amtszeit in einer schleswig-holsteinischen Kleinstadt eine kleine Meditationsgemeinschaft vom „für die Region zuständigen Sektenbeauftragten“ – gemeint ist Bartels – unter die „Sekten“ eingereiht und mit übler Nachrede überzogen worden sei. „Kurz darauf ging das rietgedeckte Haus, während die Mitglieder schliefen, in Flammen auf. Die Kriminalpolizei stellte Brandstiftung fest. Die Täter sind bis heute nicht gefunden. Bevölkerung und Medien unterließen die sonst übliche Mithilfe bei der Aufklärung.“ 556 Bartels streitet einen solchen Zusammenhang natürlich ab. Ihre Hände offiziell in Unschuld zu waschen, haben die Inquisitoren nicht nur im Mittelalter vortrefflich beherrscht.

Berlin: Verleumdungen bei Nacht und Nebel

Besonders eifrig bei der Verfolgung religiöser Minderheiten ist man – dank Pastor Gandow – in Berlin. Über den 1994 erschienenen Bericht des Jugendsenators (und evangelischen Pfarrers) Thomas Krüger wurde bereits berichtet557 – und auch über den skandalösen Beschluss des Oberverwaltungsgerichts Berlin, dass die Gemeinschaft „durch die Behandlung in der Informationsschrift“ ja „nicht gehindert“ sei, „ihre Tätigkeit, so wie sie es nach ihrem Glauben für richtig“ hält, „fortzusetzen“.558 Zu einem Handwerker, den man im Mittelalter unschuldig an den Pranger gestellt und mit allerlei Unrat beworfen hat, konnte man ja auch sagen: „Du kannst deine Handwerksdienste gerne weiter anbieten.“

Um solche Klagen in Zukunft ganz überflüssig zu machen – anhören will man die Gruppen ja ohnehin nicht –, trickst Krügers Nachfolgerin, Ingrid Stahmer (SPD), die Gerichte aus und bringt im Dezember 1997 den nächsten „Sektenbericht“ sozusagen bei Nacht und Nebel heraus. Bei einer Pressekonferenz stellt sie den Bericht vor und teilt der erstaunten Öffentlichkeit mit, dass ein Großteil davon bereits an Beratungsstellen und Schulen verschickt worden sei. Die in dem Bericht wiederum mit einer ganzen Reihe Behnkscher Lügen559 verunglimpften Urchristen zogen dennoch vor Gericht – doch auch diesmal erwies sich die hauptstädtische Justiz als äußerst kirchenhörig. Ein Vierteljahr nach Einreichung eines Eilantrags beschied das Verwaltungsgericht, das Universelle Leben könne ja der öffentlichen Warnung der Senatsverwaltung ihrerseits mit „abweichenden Darstellungen“ begegnen. Das Gericht weiß natürlich, dass das völlig illusorisch ist: Keine Berliner Zeitung würde eine Gegendarstellung der Urchristen abdrucken. Die Urchristen gingen in die Hauptsache – doch bei Drucklegung des vorliegenden Buches, sechs Jahre später (!), war das Verfahren vor dem Oberverwaltungsgericht noch immer anhängig. Der zuständige Richter Meinhardt, der es so lange verschleppt hatte, nahm im Frühjahr 2002 seelenruhig seinen Jahresurlaub und ging anschließend in Pension. Inzwischen brachte die Berliner Senatsverwaltung schon den nächsten „Sektenbericht“ heraus – diesmal zwar ohne Nennung einzelner Gruppen, aber mit einem Vorwort, in dem der Terroranschlag des 11. September 2001 nahtlos mit den „Gefahren“ der „Kultszene“ in Verbindung gebracht wird. Wer Näheres über einzelne Gruppen erfahren möchte, so heißt es weiter, könne ja die vorhergehenden Berichte im Internet durchsehen ...

Baden-Württemberg: Wer ist der beste „Sekten“- Jäger?

Wo eine Landesregierung nicht ganz so stürmisch an die Verunglimpfung von „Sekten“ herangeht, wie die Kirche sich das wünschen würde, dort stehen einzelne Politiker bereit, den Brand der modernen Inquisition nach Kräften anzublasen. Wie zum Beispiel der Fraktionsvorsitzende der CDU (und spätere Ministerpräsident) in Baden-Württemberg, Günter Oettinger, der im Oktober 1994 eine „detaillierte Untersuchung“ des Universellen Lebens für „dringend erforderlich“ hielt560 – ohne aber sagen zu können, was die Urchristen sich konkret zuschulden kommen ließen. Gleichzeitig setzte Oettinger eine Behauptung in die Welt, die kurioserweise in zwei sich widersprechenden Versionen verbreitet wurde: Laut Stuttgarter Nachrichten (24.10.94) soll Oettinger – oder seine persönliche Referentin Susanne Eisenmann – gesagt haben: „Ethik-Offiziere von Scientology, eine Art Geheimdienst, haben der Sekte ‚Universelles Leben’ Nachhilfe gegeben.“ In der Stuttgarter Zeitung (25.10.94) hingegen steht zu lesen: „Der Scientology-Geheimdienst OSA ... schicke seine Leute zum UL, um sie dort in Öffentlichkeitsarbeit und ‚im Umgang mit Kritikern und staatlichen Sanktionen’ schulen zu lassen.“ Wer „schult“ nun wen?

Beide Versionen sind frei erfunden. Die Urchristen schreiben Oettinger, Eisenmann und beide Zeitungen an und weisen auf die merkwürdige Falschmeldung hin – doch keiner hält es für nötig, zu antworten. Mit einem „Ketzer“ spricht man nicht – er gehört zu den Unberührbaren.

Dass die Landesregierung auf eine entsprechende CDU-Anfrage schlicht feststellt: „Der Landesregierung sind keine gemeinsam durchgeführten Schulungsveranstaltungen von ‚Scientology’ und ‚Universelles Leben’ bekannt“, beeindruckt den Parteifunktionär Oettinger nicht. Die CDU-Fraktion bringt sogar eine eigene Broschüre über „Sekten als Gefahr für unsere Demokratie“ heraus, in der sie Verleumdungen Behnks und des Hessischen Rundfunks abdruckt.

Da will die SPD nicht zurückstehen. Mit besonderem Eifer macht sich die Landtagsabgeordnete Carla Bregenzer (SPD) aus Frickenhausen an die „Arbeit“. 1995 gibt sie in einer Landtagsdebatte über die „Sektengefahr“ Falschaussagen des Rufmordbeauftragten Behnk weiter. Als die Urchristen Frau Bregenzer daraufhin zu einem persönlichen Besuch einladen, damit sie sich selbst an Ort und Stelle von der Unhaltbarkeit ihrer Behauptungen überzeugen kann, erhalten sie noch nicht einmal eine Eingangsbestätigung.
Ein Politiker, der sich zu seiner Profilierung auf das „Sekten“-Pferd geschwungen hat, wird freiwillig nicht wieder heruntersteigen. Er würde sich ja mit einer Untersuchung der Tatsachen sein Arbeitsgebiet – die Verleumdungsproduktion – kaputt machen, auf dem es sich so wunderbar holzen und Emotionen schüren lässt.

Carla Bregenzer ignorierte lieber die Tatsachen, verbreitete weiter allerlei kirchliche Verleumdungen („psychisch und finanziell abhängig“, „Wirtschaftskonzern mit religiösem Deckmantel“ 561 usw.) über die Urchristen und reichte im März 1996 eine Landtagsanfrage zum Thema Universelles Leben ein.

Die zuständige Kultusministerin (und spätere Bundesforschungsministerin) Annette Schavan, zuvor Leiterin einer bischöflichen Studienstiftung, fand nichts dabei, dass hier einmal mehr unbescholtene Bürger zum Gegenstand einer offiziellen Ausforschung gemacht wurden – und sie hielt es auch nicht für nötig, die Betroffenen dazu anzuhören. Dennoch fiel im Mai 1996 das Ergebnis für die Urchristen gar nicht so schlecht aus: Es gebe, so stellte die Landesregierung fest, keinerlei Anhaltspunkte, dass im Universellen Leben „Repressalien“ gegen „Aussteiger“ ausgeübt würden. Es gebe keine Hinweise, dass die Anhänger „ausgebeutet“ würden, ja nicht einmal „Anzeichen von verfassungswidrigen Handlungen oder Einstellungen“ konnten die Staatsdiener ausfindig machen. Gegen Schule und Klinik gebe es ebenfalls keine Einwände. Die Ignoranz einer Ministerin, die angeschuldigte Mitbürger nicht einmal anhört, ging an ihrem Bericht allerdings nicht spurlos vorüber. So zitierte sie z.B. aus der gerichtsnotorisch bekannten Schmähschrift Hans-Walter Jungens562 oder übernahm ungeprüft die Behauptung eines Kirchengutachtens, in Meditationskursen werde versucht, das „eigenständige Denken der Teilnehmer auszuschalten“.563 Dies scheint umgekehrt den Kirchen bei Politikerinnen wie Schavan oder Bregenzer sehr viel besser gelungen zu sein.

Dennoch: Die Urchristen waren in einem amtlichen Bericht – nach Bayern564 – zum zweiten Mal öffentlich rehabilitiert worden. Wer nun aber geglaubt hatte, dass die Medien dies zur Kenntnis nehmen würden, der sah sich getäuscht: Die Presse565 verschwieg die Kernpunkte, wonach es keinerlei Hinweise für Rechtsverstöße gibt – und griff zielsicher die wenigen Punkte heraus, wo die Regierung kirchliche Verdrehungen über angeblich „fragwürdige“ Ehe- und Erziehungsvorstellungen der Urchristen wiedergegeben hatte. Der FDP-Landtagsabgeordnete Dr. Walter Döring nützte diese Stimmungslage dazu, mit auf den Anti-Sekten-Profilierungszug aufzuspringen und vor „dieser auch in Schwäbisch-Hall aktiven Psychogruppe nachdrücklich zu warnen“.566 Auch Döring griff wiederum nur die Kirchenpassagen (z.B. „im Besitz der alleinigen Wahrheit“) aus dem Bericht heraus.

Baden-Württemberg ist ein gutes Beispiel dafür, wie sich offenbar karrieregierige Politiker mit populistischen Ausfälligkeiten gegen religiöse Minderheiten regelrecht zu überbieten versuchen. Carla Bregenzer fordert eine „Stiftung für Sektenopfer“ 567 und präsentiert die etwas verwirrte „Aussteigerin“ Irene Saft (S. 307 ff.), der Jahre nach einem Klinik-Besuch plötzlich einfällt, dass es ihr dort doch nicht so gut gefallen hatte. Und als der Lebensmittel-Versand „Lebe gesund!“ im März 2003 einen Werbespot mit der Aufforderung „vegetarisch essen!“ im Fernsehen schaltet, beeilt sich Bregenzer, die ARD aufzufordern, diesen Spot nicht mehr zu bringen.568 „Begründung“: Dadurch „konterkariere“ man die „Aufklärungsarbeit“ (wie Bregenzer sie versteht) über das Universelle Leben.

Währenddessen hält der „Sektenbeauftragte der Landesregierung“, Hans-Werner Carlhoff, überall im „Ländle“ Vorträge, in denen er von 50 „konfliktträchtigen Gruppierungen“ spricht.569 Einen „Kirchenbeauftragten“, der die Bevölkerung etwa über die Sexualverbrechen von Priestern oder über die Gefahr ekklesiogener Neurosen aufklärt, gibt es bisher in keinem Bundesland.

Bayern: Minister als eifriger Religionsverfolger

Die Idee Carla Bregenzers, verfolgte Minderheiten als Täter hinzustellen, indem man „Hilfsfonds“ für „Aussteiger“ gründet, griff im Nachbarland Bayern der frischgebackene Verbraucherminister Eberhard Sinner (CSU) auf. Gemeinsam mit Landrat Waldemar Zorn (vgl. S. 236 ff.) gründete er im Juli 2001 einen „Spendenfonds“ für „mittellose UL-Aussteiger“.570 Ausgerechnet Zorn, der als Bürgermeister von Hettstadt Urchristen scharenweise aus seinem Dorf vertrieben hatte, macht sich nun „Sorgen“ um Anhänger des Universellen Lebens, die „regelrecht rausgemobbt“ würden. Und Minister Sinner missbraucht sein Ministerbüro als Anlaufstelle für „Sektenopfer“.

Bereits als Landtagsabgeordneter hatte Sinner seine merkwürdige Auffassung von Demokratie unter Beweis gestellt, als er im April 1997 Landrat Grein (Main-Spessart) massiv angriff: Dessen Behörde hatte es gewagt, in einer Frauenbroschüre neben zahlreichen katholischen, evangelischen und gewerkschaftlichen Einrichtungen auch einen urchristlichen Kindergarten und die urchristliche Sozialstation „Helfende Hände“ anzuführen. Der Landrat hatte sich zuvor juristisch beraten lassen und war zu dem Schluss gekommen, der Staat dürfe aus Gründen der Gleichbehandlung die Aufnahme der Adressen nicht verweigern. Er ließ allerdings die Glaubenszugehörigkeit der urchristlichen Einrichtungen durch einen entsprechenden Zusatz angeben, damit jedermann sich frei entscheiden könne. Der Bayerische Rundfunk (Report München, 21.4.97) nahm prompt daran Anstoß und interviewte Behnk, der wieder einmal vor den „totalitären“ Urchristen warnen durfte. Sinner warf dem Landratsamt vor, eine „Sekte“ zu unterstützen, deren Lehre „mit der christlichen Botschaft nicht das Geringste zu tun“ habe, und damit „die Bemühungen der Kirche“ bei der Bekämpfung der Urchristen „in eklatanter Weise“ zu unterlaufen.571

Besser hätte der Protestant Sinner gar nicht zum Ausdruck bringen können, dass er sich bei seiner politischen Arbeit nicht so sehr als Volksvertreter, sondern eher als verlängerter Arm der Großkirchen versteht.

Gemeinnützigkeit: Anordnungen von „ganz oben“ stellen alles auf den Kopf

Die Urchristen hatten in diesem Fall das Glück, dass im Landkreis Main-Spessart nicht die CSU, sondern die „Freien Wähler“ den Landrat stellen – eine Gruppierung, in der es noch einen hohen Prozentsatz zwar konservativer, aber geistig unabhängiger Politiker gibt.572 Wie hingegen andere bayerische Behörden im kirchlichen Sinne verfahren, mussten die Urchristen in der Frage der Gemeinnützigkeit erfahren. Normalerweise müssen Vereinigungen, die ausschließlich religiöse Ziele verfolgen, ihre Spenden nicht versteuern. Dies wurde auch beim Verein Universelles Leben e.V. jahrelang so gehalten. Bis dann Bürgermeister Zorn 1990 das Gerücht verbreitete, Christusbetriebe würden „keine Mark Gewerbesteuer“ zahlen.573 Das Münchner Finanzministerium ordnete daraufhin eine ausführliche Prüfung sowohl des Trägervereins Universelles Leben als auch der von Urchristen geführten Betriebe an, die jedoch im November 1992 zu einem auf der ganzen Linie entlastenden Ergebnis durch das Finanzamt Würzburg führte: „Die vereinnahmten Erlöse und Spenden werden ausschließlich und unmittelbar für den satzungsmäßigen Zweck verwendet. ... Anhaltspunkte für missbräuchlichen Einsatz von Spendengeldern in Gewerbebetrieben bzw. Begünstigung des Vereins durch die Betriebe wurden nicht festgestellt ... Die Prüfung ... hat keine Feststellungen getroffen, die einen Widerruf der Gemeinnützigkeit rechtfertigen würden.“ 574 In krassem Gegensatz zu all diesen Feststellungen ordnete das Finanzministerium am 3. Dezember 1993 an:

„Der Verein Universelles Leben e.V. kann nicht als gemeinnützig anerkannt werden. Die unter Vorbehalt der Nachprüfung stehenden Veranlagungen der Jahre 1989 bis 1991 sind entsprechend zu berichtigen. Die vorläufige Anerkennung der Gemeinnützigkeit für die Jahre ab 1992 ist zu widerrufen.“ Zur Begründung verfiel man auf die Idee, die von Urchristen geführten Unternehmen in einer Art „Gesamtschau“ dem Universellen Leben zuzurechnen. Bei katholischen Klöstern, die in einer viel direkteren Weise wirtschaftlich tätig sind, kommt hingegen keine Behörde auf die Idee, diese in einer Art „Gesamtschau“ der katholischen Kirche zuzurechnen. Diese im Widerspruch zu den eindeutigen Ergebnissen der einschlägigen Untersuchungen stehende Anordnung ist, so der Anwalt der Urchristen, „im Grunde ... Rechtsbeugung“.575 Der letzte Satz des ministeriellen Schreibens vom 3.12.93 lässt erahnen, was dahinter steckt: „Eine höchstrichterliche Klärung der gemeinnützigkeitsrechtlichen Sekten-Problematik ist von grundsätzlicher Bedeutung. Für die Beurteilung künftiger Fälle besteht daher Interesse, die zu erwartenden Rechtsmittel durchzusetzen.“

Man will also in einer Art Musterprozess allen religiösen Minderheiten auf finanziellem Wege das Wasser abgraben. Die Urchristen erklären daraufhin, dass sie sich in Zukunft nicht mehr auf den Status Gemeinnützigkeit verlassen werden, solange dieser von einem Staat gewährt wird, der sich auf diese Weise zum Büttel der Machtansprüche der Großkirchen machen lässt. Von einem solchen „Kirchenstaat“ wollen die Urchristen keine Almosen annehmen. Für einige bereits abgelaufene (und im Vertrauen auf die gewährte vorläufige Gemeinnützigkeit wie gewohnt abgerechnete) Jahre beginnen die Urchristen jedoch einen Finanzprozess – denn die Behörden verlangen nachträglich „Schenkungssteuer“ für eingegangene gemeinnützige Spenden. Dieser Prozess ist bis heute (2003) noch nicht abgeschlossen.

Besonders pikant wird die Vorgehensweise der bayerischen Behörden, wenn man bedenkt, dass sie dem katholischen Münchner CSU-Stadtrat Bletschacher jahrelang unter dem Deckmantel der Gemeinnützigkeit Steuern in Millionenhöhe schenkten, obwohl es seit langem Hinweise auf Unkorrektheiten gab. „Amigo“ Bletsch

Wird auch der Osten schwarz?

Auch in den neuen deutschen Bundesländern, in denen Kirchenmitglieder nur eine Minderheit darstellen, gelingt es den Kirchen zunehmend, die Verfolgung religiöser Minderheiten nach westdeutschem Vorbild auf Kosten des Steuerzahlers zu etablieren. So gibt es in Thüringen mit Dr. Albrecht Schröter einen „Sektenbeauftragten“, der für den Freistaat eine Kontaktstelle „Neureligiöse Bewegungen und Sondergemeinschaften“ beim Thüringer Institut für Lehrerfortbildung leitet. Zum Universellen Leben behauptet Schröter gegenüber dem Thüringer Wochenblatt 576, es gehe „besonders aggressiv“ gegen Kritiker vor und zeichne sich „durch eine enorme Intoleranz aus“. In Sachsen hetzt der Rufmordbeauftragte der CDU, der Landtagsabgeordnete Christoph Teubner, die Öffentlichkeit gegen „Sekten“ auf und lädt zu einer „sektenpolitischen Tagung“ den Hobbyautor Jungen (S. 272 ff.) nach Dresden ein, der sich durch seine Schmähschrift gegen das Universelle Leben profiliert hat.577

Rennebach will Bundes-Inquisitorin werden

Auf Bundesebene ist es vor allem die SPD-Bundestagsabgeordnete und lutherische Synodalin Renate Rennebach578, die zur „Bekämpfung“ der „Sekten“ aufruft und dafür die Position eines „Bundessektenbeauftragten“ eingerichtet haben will – offenbar mit sich selbst als erster Inhaberin. Sie wirft dem Universellen Leben und anderen Glaubensrichtungen pauschal vor: „Sie alle verletzen die Würde des Menschen, verführen zumeist junge Leute.“ 579 Als sie aufgefordert wird, ihre Behauptungen zu präzisieren oder sich selbst ein Bild von den Urchristen zu machen, hält sie es nicht einmal für nötig, zu antworten. Erst als die Urchristen nach einer „Telefonaktion“ zum Thema „Sekten“, bei der neben SPD-Abgeordneten auch der lutherische Rufmordbeauftragte Hemminger580 auf Fragen des Publikums antwortet, mehrere Abgeordnete der SPD anschreiben, bequemt sich Rennebach zu antworten: „Einen Beitrag zur Korrektur Ihres offensichtlich bestehenden Eindrucks, wir seien falsch oder unzureichend über Ziele und Praktiken des Universellen Lebens informiert, können Sie selbst dadurch leisten, indem Sie uns ein aussagefähiges Organigramm über die innere Struktur Ihrer Organisation zur Verfügung stellen sowie uns Auskunft geben über die mit dem Universellen Leben und seinen Führungspersonen zusammenhängenden Betriebe und Beteiligungen. Wir werden sodann diese Unterlagen sorgfältig prüfen und auch die Frage, ob sich daraus Gesprächsbedarf für uns ergibt.“ 581

Aus diesen Zeilen spricht die Arroganz der Inquisition, die offenbar auch in Rennebachs Genen steckt: Wir sprechen nicht mit dem „Ketzer“ über seinen Glauben – er hat vielmehr uns umfassend Auskunft zu geben. Glauben schenken wir ihm sowieso nicht, da in unseren Inquisitionsakten immer die Wahrheit steht!

Und diese Akten füllt Rennebachs Parteigenosse Wolfgang Behnk. So behauptet Rennebach laut einer dpa-Meldung, das Universelle Leben habe „gegenüber dem Sektenbeauftragten der evangelischen Kirche sogar schon mit religiösem Massenselbstmord gedroht“.582 Nach anwaltlicher Intervention nimmt sie diese böse Verleumdung zurück – doch ohne sich dafür zu entschuldigen, denn ausgesprochen und verbreitet wurde sie. Um „ihre“ Enquetekommission durchzusetzen, macht Rennebach der Öffentlichkeit Angst vor „600 Sekten“ in Deutschland. Erst nach dem für alle „Sekten“-Jäger enttäuschenden Ergebnissen der Enquete wird es um Rennebach etwas stiller. In der Koalition mit den Grünen sind ihre hochfliegenden Karrierepläne offenbar auf Eis gelegt.

Diskriminierung auf kommunaler Ebene

Nicht auf Eis liegen aber die Auswirkungen kirchlicher und staatlicher Hetze auf untergeordnete Behören. So beobachtet der Nürnberger Rechtsreferent Hartmut Frommer „das Treiben von Sekten und anderen schwer zu durchschauenden Gruppen“ auf Messeveranstaltungen „mit zunehmender Sorge. Zuletzt war es die Gruppe ‚Universelles Leben’, die sich auf der Gesundheitsmesse Ende April im Messezentrum präsentieren durfte.“ Damit, so Frommer, „müssen wir uns noch befassen.“ 583 In Wahrheit war es übrigens nicht das Universelle Leben, sondern der Lebe gesund!-Versand, der an der Messe teilnahm.

In Würzburg lehnt es Anfang 1999 die Stadt auf Betreiben des katholischen Rufmordbeauftragten Singer ab, dem Universellen Leben ein Schild zu genehmigen, mit dem an der Ortseinfahrt auf das sonntägliche Treffen der Urchristen hingewiesen wird – ähnlich wie dies für katholische oder protestantische Gottesdienste längst der Fall ist. Die Urchristen müssen sich auch diese Selbstverständlichkeit vor Gericht erstreiten.

Österreich: Ihr könnt ja zu Hause beten

Auch in Österreich wird die „Sektengefahr“ an die Wand gemalt. Die Kronen-Zeitung (12.6.96) hat wohl den richtigen Riecher, wenn sie die aufgeblasenen Worte des ÖVP-Klubchefs Khol über „üble Geschäftemacherei in Zusammenhang mit geistiger Versklavung“ direkt auf einen kurz zuvor in Slowenien erfolgten „dramatischen Aufruf“ des Papstes „zur Sektenfrage“ zurückführt. Familienminister Bartenstein zeigt sich „bereit, entschlossen gegen das Sektenunwesen aufzutreten“, 584 und kündigt eine „Broschüre über Sekten“ an, die dann im November 1996 erscheint, obwohl es auch nach österreichischem Verfassungsrecht nicht statthaft ist, Religionsgemeinschaften unterschiedlich zu behandeln, also vor den einen zu warnen und vor anderen nicht. Obgleich sich der Staat laut Broschürentext nicht „mit einer oder mehreren bestimmten Kirchen ... solidarisieren“ darf, schreibt das Ministerium bezüglich des Universellen Lebens einfach ganze Passagen aus einer Broschüre der Erzdiözese Wien ab, hält also eigene Recherchen erst gar nicht für nötig. Wie in deutschen Kirchentexten wird wiederum nicht zwischen der großen Mehrzahl der Anhänger des Universellen Lebens und der kleinen Gruppe, die sich in der Bundgemeinde „Neues Jerusalem“ eigene Regeln gab, unterschieden; es wird beispielsweise der Eindruck erweckt, alle Urchristen müssten in Wohngemeinschaften leben. Wieder wird suggeriert, Kinder würden nicht bei den Eltern aufwachsen und die Urchristen seien überzeugt, nur sie überlebten den „Weltuntergang“. Ein Gerichtsverfahren gegen die Aufnahme der Urchristen in diesen Report wird bis heute von der österreichischen Justiz verschleppt.

In der Broschüre behauptet Bartenstein ganz ungeniert, die Verpflichtung des Staates zum Schutz der Religionsfreiheit beziehe sich nur auf „gesetzlich anerkannte Kirchen und Religionsgemeinschaften“ mit über 2000 Mitgliedern. Kleineren Religionsgemeinschaften „ist die sogenannte ‚häusliche Religionsausübung’ gestattet ... “ 585

So ist das also: Wer der Kirche nicht passt, wird unter dem Vorwand der Mitgliederzahl zur Glaubensgemeinschaft zweiter Klasse gemacht, die gerade noch zu Hause beten darf. Der k.u.k. Obrigkeitsstaat Metternichscher Prägung586 lässt grüßen.

Vollends zur Realsatire gerät die Broschüre, wenn es um die Kriterien für die „Gefährlichkeit“ einer Gruppe geht. „Wird keine oder kaum Kritik in der Gemeinschaft zugelassen?“ – wer denkt da nicht an die vielen Lehrverbote für kritische katholische Theologen? „Werden die Mitglieder dazu gedrängt, intime Details aus ihrem Leben offenzulegen?“ – wer denkt da nicht an die Beichte? „Herrscht ein spürbarer Druck, möglichst rasch Mitglied zu werden?“ – Auch hier geht der erste Platz eindeutig an die Groß-Sekten mit ihrem Zwang zur Säuglingstaufe.

Doch das war erst der Anfang: Eine neu geschaffene „Sektenstelle“ soll in Österreich „öffentlich zugängliche Daten“ über religiöse Minderheiten sammeln, etwa, „welche Personen in Sekten an führender Stelle tätig sind“.587 Die Großkirchen werden von dieser mit fünf Millionen Schilling staatlich dotierten Spitzeltätigkeit in einem eigens dafür verabschiedeten Gesetz ausdrücklich ausgenommen. Wegen dieser offensichtlichen Diskriminierung und Bespitzelung von Minderheiten wurde Österreich von den in Bezug auf Religionsfreiheit recht wachsamen Vereinigten Staaten öffentlich gerügt. Solche Gesetze seien „nicht mit der Europäischen Menschenrechtskonvention sowie anderen internationalen Übereinkommen“ vereinbar.588

Auch in Österreich berufen sich kommunale Behörden (etwa in Linz) auf die Nennung des Universellen Lebens in dieser Broschüre, um damit z.B. die Verweigerung der Anmietung städtischer Räume zu rechtfertigen. In Linz gibt außerdem das Familienministerium des Bundeslandes Oberösterreich gemeinsam mit dem Bischöflichen Pastoralamt (!) im Juni 1998 eine eigene Broschüre zum Thema „Sekten – (Un-)Wissen und (Un-) Wesen“ heraus. Verfasser ist der Rufmordbeauftragte des Bistums Linz, Andreas Girzikowsky persönlich; auf der Rückseite wird für die Lektüre der Kirchenzeitung geworben. In einer Pressemeldung warnt der Autor speziell vor dem Universellen Leben, das „Österreich und die Schweiz auf ihrem Speisezettel“ habe.589 Der oberösterreichische Landeshauptmann Josef Pühringer wirft „Sekten“ mit „Drogensucht“ in einen Topf.590 Dasselbe tut der Salzburger Landesschulratspräsident Gerhard Schäffer: An den Schulen sei „Werbung für Alkohol, Drogen oder Sekten“ verboten.591 Im Bundesland Salzburg werden Schulleiter von kirchlichen und staatlichen „Experten“ auch aus Deutschland gegen „Sekten, Psychoterror und Satanskult“ 592 aufgehetzt. 270 Schuldirektoren nehmen an einer Tagung des Landesschulrats teil – 75 Prozent aller eingeladenen, wie Regierungsrat Stöglehner stolz vermerkt. Da will das benachbarte Südtirol nicht zurückstehen: Die Provinz Südtirol ernennt im September 1998 einen staatlichen Sektenbeauftragten ...

Als in Oberösterreich Landeshauptmann Pühringer unter der Überschrift „Auf der Suche nach dem Sinn“ eine weitere Auflage seiner „Sekten“-Broschüre herausbringt (2002), meldet sich mit Professor Ernö Lazarovits ein ehemaliger Häftling des Konzentrationslagers Mauthausen und Mitglied des ungarischen Zentralrats der Juden zu Wort. In einem Brief an Pühringer und an Bundespräsident Klestil weist er darauf hin, dass er aufgrund seiner leidvollen Erfahrungen im KZ sensibel für Menschen sei, die wegen ihrer religiösen Überzeugung angefeindet werden: „Aus Erfahrung kann ich sagen, dass es mit der Judenverfolgung so begonnen hat, dass man uns zuerst schlecht gemacht hat, was im weiteren den Vorwand lieferte, die wohl auch ihnen bekannten nächsten Schritte zu setzen. Heute werden Gedenkfeiern abgehalten und bei jeder dieser Veranstaltungen wird beschworen: So etwas darf nie wieder passieren!! Dem kann man nur beipflichten, jedoch muss man besonders ‚den Anfängen wehren’. Mit großer Beunruhigung muss ich daher feststellen, dass mit der von der katholischen Kirche und dem Land Oberösterreich herausgegebenen CD-Rom mit dem Titel ‚Auf der Suche nach dem Sinn’ eine Behandlung von Andersgläubigen praktiziert wird, die man im Ansatz als kollektives Schlechtmachen bezeichnen kann, so wie man uns seinerzeit den ‚Judenstern’ umhängte. Damals waren es ‚nur’ die Juden, heute sind es ‚nur’ die ‚Sekten’ – wo ist der Unterschied?“

Als der Anwalt der Urchristen diese bemerkenswerte Stellungnahme eines international renommierten jüdischen Mitbürgers in Deutschland über die bekannte Medienagentur „News aktuell“ (Hamburg) gegen entsprechende Bezahlung verbreiten lassen will, wird ihm dies verweigert.

Wer hilft den Urchristen?

Angesichts all dieser Diskriminierungen durch staatliche Stellen wandten sich die Urchristen an die deutschen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker, Roman Herzog und Johannes Rau um Hilfe. Außer nichtssagenden Eingangsbestätigungen erhielten sie keine Antwort. Sie wandten sich 1994 mit einer Petition an die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf. Dort hörte man ihnen immerhin aufmerksam zu. Der UN-Sonderberichterstatter für die Freiheit der Religionsausübung, Abdelfattah Amor, vermerkte im Mai 1996 in seinem Jahresbericht in Bezug auf Deutschland: „Menschen sollten nicht diskriminiert werden, weil sie einer Sekte angehören.“ Deutschland begebe sich hier auf einen „gefährlichen Weg“.593 Amor führte weiter aus, dass er Informationen erhalten habe, wonach Bundes- und Länderbehörden die Urchristen im Universellen Leben „durch entworfene oder veröffentlichte Berichte, in denen diese Gemeinschaft als Sekte oder ‚extremistische religiöse Gruppe’, die eine Gefahr darstelle, in Ketten gelegt“ (to shackle) habe. Doch was vermag die Macht der Vereinten Nationen im Vergleich zur Macht der Kirche? Die Bundesregierung leugnete gegenüber der UNO einfach, dass hier eine Diskriminierung vorliege594 – und alles blieb beim alten. Und das, obwohl schon 1994 vom Bayerischen Verwaltungsgerichtshof festgestellt wurde, dass das Universelle Leben „eine Religionsgemeinschaft im Sinne von Art. 140 GG“, also im Sinne der Verfassung ist.*

Link:
Das Staatsross und sein kirchlicher Reiter

 

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