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Abschnitt 16
LEBENSRAUM FÜR NATUR UND TIERE
(1991– 2002)
Wie ein Lauffeuer verbreitet sich im August
1991 die Nachricht in Hettstadt und Greußenheim, dass Anhänger des
Universellen Lebens das Gut Greußenheim, einen ausgesiedelten Gutshof mit
130 Hektar Land, erworben haben. Der Vorbesitzer, ein Saatguthersteller,
baut sich in den neuen Bundesländern eine neue Existenz auf.
Auf die Frage eines Main-Post-Journalisten, ob sie den Verkauf an die
Urchristen bestätigen könne, antwortet die Frau des Vorbesitzers: „Wäre es
denn eine Veröffentlichung wert, wenn ein Katholik oder Protestant den Hof
kaufen würde?“616
Von Anfang an wird der neue Hof zum Gegenstand von Spekulationen und
Legendenbildungen, die vor allem von kirchlichen Rufmordbeauftragten
erfunden und angeheizt werden. Den Höhepunkt bilden die Hetzreden „Pfarrer“
Behnks über die angebliche Möglichkeit eines urchristlichen
Massenselbstmords617, die zu einer regelrechten Pilgerfahrt
sensationslüsterner Journalisten führt. Dass die dabei eingesetzten tief
fliegenden Hubschrauber, die Luftbilder liefern sollen, die auf dem Hof
lebenden Tiere fast zu Tode erschrecken, ist diesen Leuten offensichtlich
einerlei.
Die Bevölkerung der umliegenden Dörfer Hettstadt, Leinach und Greußenheim
kann sich bald schon persönlich überzeugen, dass das Gut ein normaler und
dazu noch naturgemäß bewirtschafteter Bauernhof ist. Eine Einladung zur
Besichtigung und (vegetarischer) Brotzeit wird gerne angenommen.
Die Scharfmacher jedoch haben den Hof, auf dem hauptsächlich Getreide
angebaut wird und auf dem die Tiere (Esel, Pferde, Schwäne, Hühner ...), die
dort leben, nicht geschlachtet werden, nach wie vor im Visier. Als Ende Mai
1993 der jährliche Grenzgang der Gemeinde Hettstadt in die Nähe des Hofes
führt, erhält ein Mitarbeiter des Hofes kurz zuvor einen Anruf: „Morgen
kommen wir mit Kanonen von Hettstadt!“ Wenig später der nächste Anruf: „Wir
kommen heute Mittag, bestellt schon mal die Feuerwehr!“
Als die Landwirte eine alte wilde Müllkippe entdecken und ordnungsgemäß
beseitigen und zu diesem Zweck einige Sträucher stutzen, steht in der
Main-Post zu lesen, es solle „ zu einer nicht genehmigten Rodung eines
Biotops gekommen sein“. Unter der Überschrift „Einklang zwischen Worten und
Taten? – Biotop gerodet, Abfall in der Natur“ schreibt der Journalist Tilman
Toepfer618 außerdem von einer „Ermittlung“ des Landratsamtes, weil „ein
Graben mit Abfall gefüllt“ worden sei.619
Wenn die alte Müllkippe ein „Biotop“ gewesen sein soll, so war das ein
Geheimnis des Landratsamtes – niemand wusste etwas davon. Und selbst wenn
sie ein Biotop gewesen wäre – beschädigt wurde nichts. Immerhin wurden die
Main-Post-Leser drei Tage später über den wahren Sachverhalt aufgeklärt. Als
sich jedoch im Dezember 1993 ein katholischer Professor der Würzburger
Universität beim Spazierengehen in der Nähe des Hofes durch bellende und
frei herumspringende Hunde belästigt fühlt und einen bösen Brief an
Landratsamt und Polizei schreibt, bringt Redakteur Toepfer die „Story“
wieder groß heraus: „Vorfall mit freilaufenden Hunden ... Nur pflichtbewusst
oder aggressiv?“620 Wohlgemerkt: Zu Schaden kam niemand, der Hundehalter war
sogleich zur Stelle.
Neue Hecken und ein Biotopverbund
In den darauf folgenden Jahren wurde es vergleichsweise ruhig um das Gut
Greußenheim. Erst als die Urchristen um das Jahr 2000 damit beginnen, auf
dem Gelände des unterfränkischen Bauernhofes neue Lebensräume für Natur und
Tiere zu schaffen*, verlagert sich die Aufmerksamkeit wieder dorthin.
Nun sollte man meinen, dass es etwas Positives und Zeitgemäßes ist,
freilebenden Tieren einen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem sie
möglichst ungestört leben können. Wer in der ausgeräumten Landschaft Hecken,
Feucht- und Trockenbiotope anlegt, die dazugehörigen Äcker naturgemäß
bewirtschaftet und einen Teil der Ernte auf den Feldern stehen lässt, damit
auch die Tiere ihren Anteil erhalten, wer Wälder aufforstet, Streuobstwiesen
neu anlegt, Nistkästen in den Wäldern aufhängt, und das alles nur auf
Spendenbasis ohne jeglichen staatlichen Zuschuss, der – so sollte man meinen
– setzt ein Zeichen in einer Zeit, in der sogar die Feldhasen vom Aussterben
bedroht sind, weil sie künstliche Düngung und Insektengifte nicht länger
vertragen. Doch wenn Urchristen so etwas tun, dann scheint es grundsätzlich
verdächtig. Obwohl im neugefassten deutschen Naturschutzgesetz von 2002 ein
Verbund von Biotopen, also Lebensräumen von Tieren und Pflanzen,
ausdrücklich als Ziel und staatliche Aufgabe festgelegt ist, kommt es keinem
Journalisten in den Sinn, es als vorbildliche Initiative zu würdigen, wenn
Bürger hier mit gutem Beispiel vorangehen. Im Gegenteil: Tilman Toepfer von
der Main-Post 621 stellt sich auf die Seite der wenigen Jäger vor allem aus
Hettstadt, die sich durch die neu angelegten Hecken in ihrer Sicht- und
Schießfreiheit eingeschränkt fühlen. Ende der achtziger Jahre hatten
Sensationsjournalisten die ehemalige deutsch-deutsche Grenze kurzerhand an
die Grenze des Gutes Greußenheim verlegt, nur weil man dort (wie
vorgeschrieben) Weideland eingezäunt hatte (S. 317). Wer rund um das Gut,
vor allem auf Hettstädter Seite, im Abstand von bisweilen nur 20 Metern die
Schusstürme der Jäger betrachtet, der kann diese Assoziation dort viel eher
bekommen. Toepfer hingegen fotografiert die Zäune, die – streng nach
behördlicher Vorschrift – um Aufforstungsflächen errichtet wurden.622 (Auch
Aufforstung ist im Zeitalter des Klimaschutzes eine wichtige
Umweltschutzmaßnahme.) Die an manchen Wegrändern mit dürren Zweigen und
Ästen aufgeschichteten „Benjes-Hecken“, aus denen nach wenigen Jahren wie
von selbst grüne Hecken sprießen, werden in der Main-Post
als
„überdimensionale Schutzwälle“623 bezeichnet. Als die Urchristen der
Gemeinde Hettstadt anbieten, ein gemeindeeigenes Waldstück in unmittelbarer
Nähe des Hofes käuflich zu erwerben – das Betreten des Waldes für jedermann
ist nach dem deutschen Waldgesetz gewährleistet –, lehnt dies die Gemeinde
rundweg ab.624 Dabei hätte sie doch allen Grund, an den aus Hettstadt
vertriebenen Urchristen etwas wieder gutzumachen. Und den Gemeindefinanzen
hätte es auch gut getan.
Kann man über Glaubensfragen
abstimmen?
Aber die nächste Kommunalwahl (Frühjahr 2002) ist in Sicht. Da lässt sich
Hettstadts Bürgermeister Eberhard Götz (SPD) mit demonstrativ erhobenen
Händen in der Main-Post ablichten: Er sei dagegen, „dass Wanderer ganze
Landstriche nicht mehr passieren dürfen“.625 Dabei sind die Durchgangswege
weiterhin passierbar. Auch Greußenheims Bürgermeister Bruno Scheiner (CSU),
ein Förderer des Umweltschutzes, verlässt im Vorfeld der Kommunalwahl der
Mut, die Urchristen so zu behandeln wie alle anderen Bürger auch. Er stellt
einem Feinkostbetrieb, der von Urchristen betrieben wird und der unter
anderem in Greußenheim angebaute Feldfrüchte verarbeitet, ein Grundstück im
dörflichen Gewerbegebiet in Aussicht – doch dann treten in einer
Bürgerversammlung wieder Scharfmacher auf den Plan, welche die bekannten
kirchlichen Verdächtigungen und Verleumdungen in den Raum stellen626. Man
beschließt, wegen des bevorstehenden Grundstückskaufs eine „Bürgerbefragung“
durchzuführen – obwohl Derartiges in der Verfassung gar nicht vorgesehen
ist: Entweder der Gemeinderat beschließt über den Verkauf der Fläche, oder
es gibt ein ordentliches Bürgerbegehren, also einen offiziellen
Volksentscheid. Scheiner lässt die ominöse Befragung durchführen, obwohl das
Feinkostunternehmen sein Kaufgesuch bereits zurückgezogen hat: Denn als
Urchristen lehnen sie es ab, zum Gegenstand eines Tribunals über ihren
Glauben zu werden. Obgleich der katholische Pfarrer von der Kanzel aus gegen
die Urchristen gewettert hatte, sprachen sich bei der Abstimmung Mitte
Januar 2002 immerhin rund 26 Prozent für einen Verkauf aus
(Wählerbeteiligung: knapp 45%)627. Die Urchristen selbst hatten an der
Abstimmung nicht teilgenommen. Die Greußenheimer hätten, so Toepfer in einem
Kommentar628, „ihre Stimme erhoben“. Die kirchlich beeinflussten
Scharfmacher bezeichnet er als „besorgte Fragesteller“.
Sobald Urchristen irgendwo auftauchen, funktionieren ganz normale Vorgänge
nicht mehr. Dies ist im Falle des Gutes Greußenheim nicht anders. Als die
Landwirte des Gutes ein 18 ha großes Waldgrundstück erwerben wollen, um es
in ihre Pflegemaßnahmen mit einzubeziehen, wird die Entscheidung
hinausgezögert. Die Bundesvermögensverwaltung, der ein angemessenes
Preisangebot vorgelegt wird, hat zwar keinerlei Einwände, weil sie ja
gehalten ist, Grundstücke nach Möglichkeit zu veräußern. Doch die erstaunten
Urchristen erfahren, dass man schließlich nicht nur – ungewöhnlich genug –
das Bundesfinanzministerium, sondern auch noch das Bundesfamilienministerium
(!) eingeschaltet hat, um einen simplen Waldverkauf zu tätigen. Das
Familienministerium, das mit Bäumen normalerweise wenig zu tun hat, wohl
aber mit der Ausforschung religiöser Minderheiten, schaltet auch noch das
Bayerische Kultusministerium ein. Nachdem der zuständige Beamte im
Finanzministerium zunächst im Juli 2001 einen Verkauf telefonisch zusagte,
wird dieser dann im Oktober lapidar abgelehnt – ohne Nennung von Gründen. In
einigen Amtsstuben kursieren offenbar noch immer Dossiers von kirchlichen
Rufmordbeauftragten, durch die den Urchristen elementare Bürgerrechte
vorenthalten werden sollen.
Bislang hat auf diese Weise noch Andreas Oestemer (CSU), damals
Bürgermeister von Leinach, auf dessen Gemarkung das Waldgrundstück liegt,
recht behalten. Er hatte sinngemäß erklärt, dass an „solche Leute“ dieses
Grundstück niemals verkauft werden würde. Doch wie lange werden die Intrigen
der Kirchenvertreter noch funktionieren? In einer Umfrage zur Frage, wie
vertrauenswürdig Institutionen für die Bürger sind, landeten die Kirchen in
Deutschland Ende 2002 unter 17 Wahlmöglichkeiten auf dem letzten Platz.629
Die in diesem Buch genannten Vorfälle zeigen, dass die Diskriminierung
religiöser Minderheiten so lange weitergeht, wie die Großkirchen mit ihren
Seilschaften, ihren Privilegien und ihrer finanziellen Macht in diesem Staat
die Fäden ziehen können. Urchristen sind dabei, im Kleinen den Beginn einer
friedvollen Alternative in diese Welt zu bringen, bei der auch die Tiere
nicht vergessen werden, denen bereits Jesaja (Kap. 11) in seiner Ankündigung
des „Friedensreichs“ ein Leben in Frieden mit den Menschen voraussagt.
Sie, lieber Leser, sind nun informiert. Sie wissen, dass der Prozess der
Ausgrenzung religiöser Minderheiten nicht Vergangenheit ist, sondern
Gegenwart. Zukunft wird dieser Prozess nur in dem Maße bleiben, als Bürger
dieses Landes (und seiner Nachbarländer) weiterhin wegsehen und nichts gegen
die moderne Inquisition tun. Die Freiheit des Glaubens steht auf dem Spiel –
und jeder Bürger, der den Mund aufmacht, hilft mit, dass sie erhalten
bleibt. Eine erste ganz simple, aber sicher wirksame Handlungsweise wäre es,
soweit nicht bereits erfolgt, einer Institution den Rücken zu kehren, die
nicht zuletzt auch mit Ihren Kirchensteuergeldern das durchführt, was Sie in
diesem Buch gelesen haben.
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