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Abschnitt 5
KESSELTREIBEN
AUF DEM HEUCHELHOF
(1985)
Während in der Presse noch die
Auseinandersetzung um das Objekt in Dettelbach ihre Kreise zog, blieben die
Urchristen nicht untätig.
Wenige Tage vor Weihnachten 1984 trat der 48jährige Unternehmer Jens von
Bandemer (Knorr-Bremse) an die Öffentlichkeit: Er stehe dem Universellen
Leben nahe und habe vor, mit seinem Privatvermögen eine Siedlung mit
Wohnungen und mittelständischen Handwerksbetrieben zu errichten, eine
Gemeinde, „die nach den Gesetzen der Bergpredigt leben soll“.343 300 bis 500
Menschen sollten dort auf umweltfreundliche Weise Güter herstellen und
Dienstleistungen anbieten, welche die Grundbedürfnisse des Lebens decken:
Nahrung, Kleidung, Obdach. „Aber auch geistig-seelische Bedürfnisse werden
berücksichtigt, die so lange vernachlässigt worden sind: Bedürfnisse nach
Frieden und Harmonie sowie nach geistiger Entwicklung.“ Von Bandemer sprach
auch von „Schulen, Kindergärten und Kliniken, in denen die Bergpredigt
verwirklicht wird. ... Ich möchte Menschen, die guten Willens sind,
Arbeitsplätze bieten.“
Jens von Bandemer überreichte dem Oberbürgermeister von Würzburg und dem
Bürgermeister der Nachbargemeinde Höchberg jeweils ein gleichlautendes
Schreiben, in dem er um den Verkauf eines geeigneten Geländes bat, um mit
diesen Plänen zu beginnen. Der Würzburger Oberbürgermeister
Dr. Klaus Zeitler (SPD)
empfing ihn daraufhin zu einem ersten Gespräch und besichtigte mit ihm ein
in Frage kommendes Gelände im Stadtteil Heuchelhof am Rande Würzburgs mit
Trabantensiedlungen und (zu diesem Zeitpunkt) viel freier Gewerbefläche.
Zeitler, dessen Partei im Würzburger Stadtrat in der Minderheit ist, hat das
Projekt im Ältestenrat des Stadtrates erwähnt. Noch am gleichen Tag, an dem
die Main-Post über die Neuigkeit berichtet, bringt der Vorsitzende der
CSU-Fraktion und Bürgermeister Erich Felgenhauer im Würzburger Stadtrat eine
„Anfrage“ ein, die in Wahrheit eine Ansammlung von Verleumdungen darstellt:
Ob der Stadtverwaltung bekannt sei, dass diese „religionsähnliche
Gemeinschaft ... sehr viel Leid und Tragödien“ ausgelöst habe, dass dort
durch „fragwürdige Heilmethoden“ Menschen „physisch-psychisch kaputtgemacht
und materiell zu Boden“ geworfen würden? Das Heimholungswerk stelle eine
„geistig-seelische Umweltbelastung“ dar – daher fordere er „eine
ausführliche Erörterung im Stadtrat“.344
Dem „Volkstribun“ Felgenhauer, der hier zum Volksverhetzer wird, kommt es
zupass, dass ihn die in Rechtsdingen noch unerfahrenen Urchristen nicht vor
Gericht zitieren, um den Beweis für seine bösen Behauptungen anzutreten.
Immerhin gebietet ihm OB Zeitler Einhalt: Es gehöre zu seinen „Prinzipien“,
sich „erst einmal vor jeden Bürger zu stellen, der mit irgendwelchen Sekten
in Zusammenhang gebracht wird“. Ironisch fügt er hinzu: „Wenn da ein Zentrum
des Geistes entsteht“, könne man dagegen kaum etwas haben ... In einer
pluralistischen Gesellschaft müsse jeder Bürger das Recht haben, „zumindest
angehört, ernst genommen und darüber hinaus angemessen behandelt zu werden“.
Die „Maßstäbe von Dettelbach“, so Dr. Zeitler, „sind für mich als
Oberbürgermeister von Würzburg nicht verbindlich.“345 Die
Grundstücksanfrage, so fügt er wenige Tage später hinzu, werde behandelt wie
jede andere: „Wir fragen niemand, wie hältst du’s mit dem Nachtgebet.“346
Damit gehört Dr. Zeitler zu den ganz wenigen Stadtoberhäuptern, die es bis
heute wagten, dem Machtanspruch der Kirchen gegenüber den Urchristen
öffentlich die Stirn zu bieten und wenigstens ein Minimum an demokratischer
Fairness gegenüber einer Minderheit einzufordern.
Da die Weihnachtstage sich für polemische Angriffe auf Andersgläubige nicht
sonderlich gut eignen – man will ja den frommen Schein wahren –, bleibt es
für einige Wochen auffallend ruhig. Während über die Ankündigung von
Bandemers weiterhin in zahlreichen Zeitungen Deutschlands berichtet wird,
verlautet aus den Kirchen, man müsse noch Einzelheiten sammeln, um Stellung
nehmen zu können.
Anfang Februar ist die „Denkpause“ zu Ende. Graf Magnis gibt eine neue
Schrift heraus mit dem Titel: „Ist das sogenannte ‚Heimholungswerk Jesu
Christi’ ein Heimholungswerk Satana Luzifers?“ Magnis behauptet, „mittels
intensiver suggestiver Meditationsindoktrination“ würden Menschen diesen
„verworrenen Lehren ... total hörig gemacht“. Es gebe „Anweisung“, die
Meditationen „täglich mehrere Male stundenlang zu meditieren“. (Die
Meditationen zu Beginn des Inneren Weges dauern in Wahrheit nicht länger als
etwa 20 - 30 Minuten.) Die Erlösungslehre sei „eindeutig
dämonisch-satanisch“, die Ehelehre „menschenfeindlich ... schwerste
Ehekonflikte geradezu programmiert“. Eine neue „Welle von Ehetragödien“ sei
zu befürchten. Die Ernährungslehre sei „abstrus und geradezu
lebensgefährlich“. Das Projekt Heuchelhof nennt Magnis ein „Kuckucksei“ und
befürchtet dort „soziale Folgelasten“ bei einem vorzeitigen Ende,
gleichzeitig aber „unfaire Konkurrenz“.
Fast zehn Jahre später wird der Zürcher Tagesspiegel-Journalist und
fanatische Ketzerjäger Hugo Stamm die Verleumdungen des Grafen fast wörtlich
nachbeten: „Für den Experten Franz Graf von Magnis ist das Universelle Leben
eine gefährliche Sekte, denn suchende Menschen würden mit intensiver
suggestiver Meditationsindoktrination von den verworrenen Lehren einer
‚Prophetin’ abhängig gemacht.“347
Kirchenvertreter und kirchenhörige Politiker spielen sich nun gegenseitig
die Bälle zu. Die Junge Union Würzburg findet die Vorstellung
„unerträglich“, dass die Stadt Gelände an eine Organisation verkaufen
könnte, „die von ihrem Selbstverständnis her die Zerstörung der Familie zu
Ziel“ habe und eine „gefährliche Jugendsekte“ sei. Die Stadt dürfe „keinen
Quadratmeter Grund“348 verkaufen, so JU-Vorsitzender Rainer Beckmann
(Ehemann der späteren Würzburger Oberbürgermeisterin
Pia Beckmann) und
JU-Landesgeschäftsführer Udo Schuster (der in engem Kontakt zu Pfarrer Haack
steht). Ursula Weschta von der Frauen-Union übt Kritik an den offiziellen
Kirchenvertretern, weil diese sich „so in Zurückhaltung“ übten.349 Die
Urchristen fordern daraufhin sowohl die Junge Union als auch die Frauenunion
auf, zu beweisen, dass ihr Ansinnen, nur demjenigen Grund und Boden zu
verkaufen, der ihnen genehm ist, dem Grundgesetz entspricht. Was die
angebliche Zerstörung von Familien angehe, so solle die Öffentlichkeit
prüfen, wie viele Ehen unter den Mitgliedern der Jungen Union und ihrer
Mutterpartei gestört sind und wie viele im Vergleich dazu bei den
Urchristen. Die Junge Union solle „uns den Jugendlichen zeigen, der unter 18
Jahren mit uns den Inneren Weg geht“ – denn die vorbereitenden
Meditationskurse für diesen Weg sind für Jugendliche unter 18 Jahren gar
nicht zugänglich. Die Polit-Organisationen sollten außerdem beweisen, „dass
ihre Politik, ihr Glaube und vor allem ihr Tun der Lehre Christi
entspricht“.350
Ein „klärendes Wort“,
das keines ist
Die Urchristen erhalten keine Antwort. Statt dessen erscheint Mitte Februar
ein „Klärendes Wort“ der Würzburger Dekane Helmut Bauer (katholisch) und
Prof. Martin Elze (lutherisch) gegen die Urchristen. Darin unterstellen sie
dem Heimholungswerk „massive wirtschaftliche Interessen“. Das
Heimholungswerk sei „nicht christlich“. Nach „Überzeugung der Christenheit“
habe die „Offenbarung Gottes in Jesus Christus ihren unüberbietbaren
Höhepunkt und Abschluß gefunden“. Die Gottesvorstellung sei auf eine
„persönliche Urkraft“ beschränkt;351 „eine positive Einstellung zur
Schöpfung ist nach der Lehre des Heimholungswerks nicht möglich“. (Weshalb
betreiben dann Urchristen friedfertigen Landbau, während die Kirchen zu
diesem Thema schweigen?) Kurzum: Die Dekane
bringen keine „Klärung“, sondern
Unterstellungen, Verdrehungen, falsche Zitate. So erwecken sie durch
Anführungszeichen den Anschein, also ob die Urchristen in Bezug auf ihre
Lehre selber von „Selbsterlösung“ sprächen – in Wahrheit ist nach
Überzeugung der Urchristen eine Erlösung nur mit Hilfe Christi möglich. Oder
sie behaupten, das Heimholungswerk verspreche „Geistheilungen“ – obwohl
Urchristen von „Gebets“- oder „Glaubensheilung“ sprechen und eine solche
niemals versprechen. Als die Dekane auf die offensichtlich falschen Zitate
aufmerksam gemacht werden, ändern sie nicht etwa den falschen Inhalt,
sondern lassen bei einer Neuauflage einfach die Anführungszeichen weg ...
Mit falschen Zitaten und Verdrehungen gegen Andersgläubige vorzugehen, ist
eine uralte Praxis der Kirche. Jan Hus z.B. wurde vom Konzil in Konstanz
verurteilt, weil er angeblich bestimmte Zitate aus der Lehre des John
Wycliff vertreten haben soll, was Hus aber bestritt ...
Die Urchristen reagieren wieder in einer Zeitungsanzeige – Überschrift:
„’Christen’ entlarven sich“. Darin heißt es: „Wir wollen der Welt den
Nachweis erbringen, dass ein Leben nach der Bergpredigt tatsächlich möglich
ist. ... Bevor jedoch die Saat des Guten zu sprießen beginnen kann, stehen
Vertreter der Institution Kirche auf, um den Keimling zu zertreten. ... Was
befürchten sie? ... Ihre Furcht zeigt letztlich an, dass sie in der Tiefe
ihrer Seele ahnen, dass es tatsächlich Christus ist, der Sich jetzt wieder
durch einen prophetischen Mund offenbart.“ Wenn, so die Urchristen weiter,
die Offenbarung Gottes tatsächlich in Jesus ihren „Abschluß“ gefunden hätte,
so könnten Teile der Bibel, etwa die Geheime Offenbarung des Johannes oder
die Paulusbriefe, niemals eine Offenbarung Gottes sein. Dann hätte auch
Jesus nicht sagen können: „Ich sende zu euch Propheten ... von ihnen werdet
ihr die einen töten und kreuzigen, die anderen in eueren Bethäusern geißeln
und von Stadt zu Stadt verfolgen“ (Mt 23) – denn dann hätte es nach Jesus
von Nazareth keine Prophetie mehr geben dürfen. Und zu den Unterstellungen
der Dekane: „Wir wollen endlich die Beweise für diese ständigen
Anschuldigungen! Was ist falsch daran, wenn unsere christlichen Betriebe auf
der Grundlage der Bergpredigt aufgebaut und geführt werden? ... Wir sind ein
Teil des Volkes und rufen die Bevölkerung auf, zur Frage Stellung zu nehmen,
ob sie die Verleumdung derer bejaht, die Christus nachfolgen wollen. Wir
rufen es laut in die Öffentlichkeit hinaus: Wo sind die Beweise für die
falschen Anschuldigungen der kirchlichen Vertreter?“352
Die Medienkampagne setzt ein
Die Urchristen appellierten nicht von ungefähr an die Öffentlichkeit. Denn
dort spielte sich die nächste, entscheidende Phase des kirchlichen Kampfes
zur Vertreibung der „Ketzerei“ ab. Bis dahin hatte die Tagespresse relativ
objektiv über den erstaunlichen Vorgang berichtet, dass ein Grundstückskauf
plötzlich zum Gegenstand eines Glaubenskampfes wurde, und beide Seiten zu
Wort kommen lassen. Lediglich die Boulevardpresse war auf die kirchliche
Verhöhnungswelle aufgesprungen: „Bremsen-Bandemer: 30 Mio für ‚Engel
Emanuelle’“ lautete eine Schlagzeile der Bild-Zeitung (8.2.85) – wobei der
sich im Heimholungswerk offenbarende Cherub mit Namen Emanuel kurzerhand zu
einer Engelsfrau gemacht wurde. Oder das Goldene Blatt (30.1.85): „Für eine
Hausfrau wurde Konzernchef Sektenjünger.“
Nun zogen die Kirchen, die über erheblichen Einfluss auf die Presse
verfügen*, alle Register. Die katholische Tageszeitung Deutsche Tagespost
mit Sitz in Würzburg bringt am 8.3.85 eine ganze Seite über die Urchristen
im Universellen Leben, Überschrift: „Die Sekte hat sie zu verklärten Masken
gemacht“. Für Chefredakteur Harald Vocke sind die Offenbarungen „dämonische
Inspirationen“. Mittelalterlicher Hass auf alles Nicht-Katholische spricht
aus jeder Zeile.
Auch Bild der Frau (18.3.85) zieht über Gabriele her, „die Sektenführerin,
für die ein Millionär alles aufgab“. Die Bunte Illustrierte
(18.4.85) bringt
eine Reportage mit der Überschrift: „Sekten – mit Kontakten zum Jenseits ein
Vermögen auf Erden – das blühende Geschäft einer Sekte und warum immer mehr
darauf reinfallen“. Über die Lehre des Universellen Lebens heißt es nur:
„Und wer glaubt diesen Unfug?“ Das Bayerische
Fernsehen (4.4.85) bringt
einen Bericht, in dem Graf Magnis, Dekan Elze und Dekan Bauer ausführlich zu
Wort kommen, Vertreter des Heimholungswerkes aber nur am Rande. Der
Spiegel
(6.5.85) veröffentlicht ausgerechnet in der heißen Phase der
Stadtratsentscheidung einen hämischen Artikel: „Göttliche Kraft am
Steißbein“. Die Behauptungen des Ordinariats Würzburg über „meditative
Indoktrination“, „gesteigerten Messianismus“ sowie „modernste Werbe- und
Marketingstrategien“, womit man in eine „emotionale Marktlücke“ vorstoße,
werden genüsslich aufgegriffen. Der Spiegel übernimmt auch ungeprüft die
Falschmeldung des Sekten-Infos, wonach Vlado P., der „die Lehren offenbar
allzu wörtlich nahm“, an „Unterernährung, Eiweiß- und Fettentzug“ gestorben
sei. Der Journalist Heinz Höfl macht sich seitenlang in arroganter
Spiegel-Manier über eine religiöse Bewegung lustig, geht aber in keiner
Weise darauf ein, wie diese Bewegung von der mächtigen Amtskirche und von
staatlichen Stellen diskriminiert wird. Dennoch hat gerade dieser arrogante
Artikel – eine kleine Fußnote – unter anderem zwei namhafte Juristen
erstmalig auf das Universelle Leben aufmerksam gemacht, die es genau wissen
wollten: Wenn der Spiegel etwas so durch den Kakao zieht, dann muss ja wohl
etwas Positives dran sein! Beide353 schlossen sich später der Bewegung an.
Kurz vor dem Spiegel-Artikel hatten die beiden Pfarrer des Stadtteils
Heuchelhof, Ulf Claussen (lutherisch) und Erwin Kuhn (katholisch), ihren
Kollegen Pfarrer Haack aus München (s. S. 95 ff.) in die Turnhalle der
Heuchelhofschule geladen. Schon die Überschrift des katholischen
Volksblatts
(26.4.85) gibt die Richtung vor: „Besorgnis: Einfluß auf Kinder durch HHW“.
Haack legt los: „Religion ist gleich einem Messer: Man kann damit zum Guten
wie zum Bösen wirken. Khomeini ist dafür nur ein Beispiel!“ Derartige
Gemeinschaften (wie das Universelle Leben) seien für ihn „Notgemeinschaften
von Verantwortungsflüchtigen“. Er, Haack, befürchte „vor allem die Gefahr
der Indoktrination von Kindern in den vorgesehenen Kindergärten und
Schulen“.354 (Als ob es nicht ungezählte kirchliche Schulen und Kindergärten
gäbe – Schulen und Kindergärten waren im übrigen von Jens von Bandemer erst
für die weitere Zukunft genannt worden, hatten also mit der aktuellen
Planung nichts zu tun.) Die Kinder, so Haack weiter, könnten dort „geistig
dressiert“355 werden. Wer vorgebe, nach der Bergpredigt leben zu können, der
„überziehe sein Konto“. (Womit der Pfarrer ziemlich genau die Position der
Kirchen zur Bergpredigt des Jesus von Nazareth umschrieben hat.)
Die ach so liberale Main-Post schreibt in einem Kommentar, man mache sich
auf dem Heuchelhof Gedanken, „ob die Integrationsfähigkeit des Stadtteils
nicht überfordert wird, wenn eine – eigenen Lebensregeln unterworfene –
Gemeinschaft von mehreren hundert Menschen ganz neue soziale,
gesellschaftspolitische und wirtschaftliche Strukturen schafft“. Solche
„Gedanken“ wären wohl auch formuliert worden, wenn man auf dem Heuchelhof
ein Asylbewerber-Heim hätte errichten wollen. Doch der Unterschied ist: Dann
hätte man diese Einstellung wenigstens bedauert und „betroffen“ danach
gefragt, woher diese Ausländerfeindlichkeit kommt – denn die
„Integrationsfähigkeit“ ist ja in Wirklichkeit die Integrationswilligkeit
der Mehrheit gegenüber der Minderheit. Bei „Sektierern“ braucht man sich
jedoch solche Mühe erst gar nicht zu machen – man hat offenbar, durch
Jahrhunderte programmiert, ein gutes Gewissen, wenn man sie ausgrenzt.
Unterschriftenlisten
im Dom
Damit die Vorreiterrolle der Kirchen bei dieser Ausgrenzung nicht gar zu
offensichtlich wird, gründet man eine „Bürgerinitiative zur Verhinderung der
Ansiedlung des sogenannten Heimholungswerkes auf dem Heuchelhof“. Das
Wörtchen „sogenannt“ ist eine Übernahme aus den Schriften von Graf Magnis
gegen das Heimholungswerk – und auch sonst kommt die sogenannte
Bürgerinitiative nicht ganz ohne die Hilfe ihrer Drahtzieher aus: Die
Unterschriftslisten der „Verhinderer“ werden unter anderem im Würzburger Dom
ausgelegt; die Gottesdienstbesucher werden auf der Gottesdienstordnung noch
einmal gesondert aufgefordert, ihre Unterschriften im Pfarramt abzugeben.
Als die Urchristen Bischof Paul-Werner Scheele zu einer Podiumsdiskussion
einladen, lässt er aber absagen. Dagegen hält es der lutherische
Landesbischof Johannes Hanselmann aus München für geboten, seine Gläubigen
zu Pfingsten im Evangelischen Sonntagsblatt (26.5.85) unter der Überschrift
„Laßt euch nicht verführen!“ „kräftig“ zu bitten: „Du aber bleibe bei dem,
was du gelernt hast und dir anvertraut ist“ (2 Tim 3,14) und „Laßt euch von
niemandem verführen, in keiner Weise“ (2 Thess 2,3). Ist die Kirche durch
eine Handvoll Urchristen wirklich so verunsichert?
Die katholische Seite spannt derweil noch einen ehemaligen Würzburger
Oberbürgermeister aus der Nachkriegszeit ein, Michael Meißner, der in einem
Brief an den Stadtrat unverhohlen „an die Tradition Würzburgs als
Bischofsstadt“ erinnert, für welche „die Vergabe eines so großen Geländes an
eine Sekte ... einen falschen und unpassenden Akzent“ darstellen würde.356
Die Stimmungsmache der Kirchen zeigt Wirkung. Auf einer Podiumsdiskussion
des Bürgervereins Heuchelhof äußern Teilnehmer, die Pläne seien ein
„Wolkenkuckucksheim“, eine „Gefährdung von Arbeitsplätzen“ (dabei würden im
Gegenteil Arbeitsplätze geschaffen!). Eine Mutter hat Sorgen, dass
Jugendliche „einer massiven Beeinflussung ausgesetzt werden“. Da hilft es
nichts, dass Oberbürgermeister Zeitler darauf hinweist, dass „wir in einer
pluralistischen Gesellschaft leben, in der jeder, auch Minderheiten, das
Recht haben, ihre persönliche Art zu leben, darzustellen“.357 Plötzlich hat
auch Dr. Zeitler „wachsende Bedenken gegen HHW-Pläne“.358
Dem Realpolitiker ist sicher nicht entgangen, dass sich inzwischen auch mehr
und mehr politische Kräfte zur Verhinderung der Ansiedlung bekennen. Der
CSU-Ortsverband Heuchelhof fürchtet „um guten Ruf“ des Stadtteils359, der
SPD-Ortsverein wählt zwar wesentlich zurückhaltendere Formulierungen, hat
aber „bei dem derzeitigen Planungsstand“ ebenfalls „Bedenken, ... eine
Grundstücksvergabe zu befürworten“.360 Die Bayern-Partei führt am 1.6.85
eine „Volksbefragung“ auf Würzburgs Straßen durch („Scherbengericht“ nannten
so etwas die Athener); der Bürgerverein Heuchelhof fürchtet eine
„Gettobildung“361 – ohne darüber nachzudenken, wer denn im Mittelalter die
Gettos für die Juden eingeführt hat: die Juden sicher nicht!
Da nützt es auch nichts, dass die Urchristen den bayerischen
Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß bitten, ihnen, „bei der Wahrung
unserer verfassungsmäßigen Rechte zu helfen“. Sie sprechen von einer „breit
angelegten Kampagne“, die zum Ziel habe, dass Menschen „wegen ihres Glaubens
benachteiligt werden“.362 Derweil setzen die Kirchen genau diese Kampagne
fort. Pfarrer Erwin Kuhn schreibt in seinem Pfarrbrief, er finde es
„erschreckend“, dass viele Heuchelhofbewohner noch nicht von der „neuen
Sekte“ gehört hätten (das hätte ein mittelalterlicher Inquisitor nicht
besser ausdrücken können) und zitiert die Bibel: „Sie kommen zu euch wie
harmlose Schafe, in Wirklichkeit aber sind sie reißende Wölfe.“ 363 Elze und
Magnis halten in den Dörfern rund um Würzburg Vorträge gegen die Urchristen.
Der gebürtige Schlesier Graf Magnis spielt sich in einer von den Urchristen
veranstalteten Diskussion zum Verteidiger des Frankenlandes auf und ruft:
„In unserem geliebten Frankenland mögen wir keine Stänkerer.“ 364 (Ein
anwesender Würzburger Stadtrat sagte daraufhin: „Wenn das der offizielle
Vertreter der katholischen Kirche war, dann tut es mir leid um jede Mark,
die ich gezahlt habe.“ 365)
Wenige Tage vor der entscheidenden Sitzung des Stadtrates hält Pfarrer Haack
– wie schon im Jahr zuvor – die Jahrestagung seiner „Elterninitiative gegen
seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus“ 366 in Würzburg ab. Haack
nimmt für sich das Monopol in Anspruch, den Begriff Religionsfreiheit
richtig deuten zu können – hier liege nämlich ein „Missverständnis“ vor:
„Religionsfreiheit meine im Gegensatz zur Praxis der Sekten immer die
Freiheit des Individuums vor der religiösen Bevormundung durch übermächtige
Organe. Es sei wie eine Parodie auf den Begriff Religionsfreiheit, wenn
Sekten diese für sich in Anspruch nehmen würden.“ 367 Er, Haack, sei
„betroffen darüber“, dass Würzburg zu einem „Sekten-Rom“ 368 zu werden
drohe. (Hier zitiert ihn das katholische Volksblatt aus naheliegenden
Gründen falsch und schreibt: „Sekten-Home“.) Das Universelle Leben sei eine
„Prophetendiktatur“; Religionsfreiheit bedeute nicht, „dass eine Sekte
machen könne, was sie wolle“.369
Nachdem der Teufel einmal mehr an die Wand gemalt war, sprach Bürgermeister
Felgenhauer (CSU) vor der Elterninitiative von einer „glücklichen
Entwicklung in Würzburg“: „Nach anfänglichen Sympathien wurde ein geordneter
Rückzug eingeleitet“ – nachdem am Anfang die Dinge „recht oberflächlich“
beurteilt worden seien. Doch es habe ein „großer Aufklärungsprozeß
stattgefunden“.370 Felgenhauer bedankt sich ausdrücklich bei Haack für die
„Unterlagen“, ohne die ihm die „Sensibilisierung“ (ein Lieblingswort aller
Rufschädiger) des Bürgermeisters und des Stadtrates nicht gelungen wäre.
Der Stadtrat lehnt ab
Wenige Tage später lehnt zunächst der Hauptausschuss, dann das Plenum des
Würzburger Stadtrates in nicht-öffentlicher Sitzung den Grundstücksverkauf
an die Urchristen ab. Dem Vernehmen nach war es zu einer Kampfabstimmung
gekommen, in der die angeblich christliche Seite obsiegt hatte.
Oberbürgermeister Zeitler fiel die Aufgabe zu, die Absage des Stadtrats
gegenüber der Presse zu begründen – mit den scheinbar sachlichen Argumenten
der Stadtrats-Mehrheit: Die Pläne seien zu vage gewesen, man habe teilweise
Wohnungen statt Gewerbebetriebe bauen wollen (das hatte von Bandemers
Projektleiter längst zurückgenommen); die Grundstücke wären weiter
verpachtet worden, was „Abhängigkeitsverhältnisse“ zur Folge gehabt hätte;
schließlich sei die Stadt an einer „Gewerbeansiedlung“ interessiert,
„keinesfalls an einem religiösen Unternehmen“.371
Die Frage bleibt, ob solche Ausflüchte am Ende auch geäußert worden wären,
wenn die Ansiedlungswilligen nicht durch ein monatelanges Kesseltreiben von
Kirchenvertretern, kirchenhörigen Journalisten und Politikern gezielt zu
Aussätzigen erklärt worden wären, die angeblich für Kinder und Jugendliche
eine Gefahr darstellen.
In einer Zeitungsanzeige372 legten die Urchristen dar, wie sie das Ergebnis
sahen: „Dem ewigen Geist gehört nicht nur eine kleine Parzelle wie auf dem
Heuchelhof. Sein ist das Universum ... Wenn Christen Christen ablehnen, ihre
Türen vor ihren Nächsten verschließen, dann werden diese den Staub von ihren
Füßen schütteln. Wir Christen in der Nachfolge des Nazareners lassen uns von
Christus zu weit größeren Taten führen. Wahre Christen öffnen uns Tür und
Tor ...“ Urchristliche Betriebe und Einrichtungen würden entstehen, so
teilten sie der Presse mit – wenn auch nicht an einem einzigen Ort.373
Würzburger Nachlese
Wenn auch das Projekt in Würzburg gescheitert war – die Ankündigung von der
geplanten urchristlichen Gemeinde der Bergpredigt hatte die Urchristen auch
überregional bekannt gemacht. Andererseits hatten die Großkirchen sich auf
das Universelle Leben „eingeschossen“. Obwohl die Verdrehungen und falschen
Zitate des „Klärenden Wortes“ wiederholt richtig gestellt worden waren,
wurde diese Falschdarstellung Jahre lang weiter verbreitet und in
kirchlichen Pfarrbriefen abgedruckt.374 Noch am 11.2.93 verteilte der
damalige lutherische Militärgeistliche Braun sie bei einem
Anti-“Sekten“-Vortrag in Güntersleben bei Würzburg. Im April 1988 hatten die
beiden Dekane ein zweites „Klärendes Wort“ nachgeschoben, in dem wieder neue
Verdrehungen enthalten waren. Wieder wurde behauptet, im Universellen Leben
werde gelehrt, man könne „sich selbst erlösen“; es wurde den Urchristen
unterstellt, nach ihrer Lehre sollten „die Gesetze dieser Welt, also auch
die des Staates, ... nicht weiterentwickelt, sondern von Grund auf verändert
werden“ – obwohl Urchristen immer wieder betonen, dass man dem Kaiser geben
solle, was des Kaisers ist. Es wird behauptet, nach urchristlicher Lehre
würde Christus sein eigenes Wort berichtigen – obwohl in dem Buch „Das ist
Mein Wort“ klar nachzulesen ist, dass Er dort ein teilweise fehlerhaftes
Evangelium erklärt, berichtigt und vertieft. Es sind oft Details, die zu
einer gezielten Sinnentstellung benutzt werden – etwa wenn den Urchristen
unterschoben wird, sie würden behaupten, verfolgt zu werden „wie einst die
Juden im Dritten Reich“. Tatsache ist jedoch, dass die Urchristen Parallelen
aufzeigen zwischen dem Beginn der Verfolgung der Juden in der Weimarer Zeit
und heute. Es geht also um das System einer Verleumdung, mit dem spätere
Verbrechen vorbereitet wurden. Aus ihren Entstellungen der urchristlichen
Lehre ziehen die Dekane dann wieder das Fazit, das Universelle Leben zeige
sich „als eine gefährliche Bewegung“, die es sich „selbst zuzuschreiben“
habe, wenn sie „von Katholiken und Protestanten mit Sorge und wachsendem
Unmut beobachtet wird“. (Der „gerechte Volkszorn“ der aufgewiegelten Masse
wurde von Ehrabschneidern zu allen Zeiten gern den Opfern in die Schuhe
geschoben ...)
Besonders einer der Dekane, der lutherische Martin Elze, erwies sich auch in
der Folgezeit als ein Meister der spitzfindigen Verdrehung der Wahrheit. So
behauptete er in zahlreichen Vorträgen bis weit in die 90er Jahre hinein in
verschiedenen Orten des Bundesgebietes, das Wort „Christus“ sei aus dem
Universellen Leben verschwunden – obwohl der Christusschlüssel mit der
Unterzeile „Christus, der Schlüssel zum Tor des Lebens“ bis heute weithin
das Erkennungszeichen der Urchristen ist. Besonders gerne stellte er die
Behauptung auf, in das Universellen Leben seien immer bestimmte Lehrinhalte
erst durch bestimmte Menschen oder „Modeströmungen“ hineingebracht worden –
etwa die Wiederverkörperungslehre durch Prof. Walter Hofmann, die
Bergpredigt durch die Bücher von Franz Alt375, der Vater-Mutter-Gott durch
die feministische Theologie, die vegetarische Ernährung erst, als die
Urchristen Bauernhöfe besaßen usw. Einige Urchristen machten sich die Mühe,
Elze im Detail nachzuweisen, dass all diese Dinge schon von Anbeginn an
(1978-1980) in der Lehre des Heimholungswerkes enthalten waren. Daraufhin
ließ der Kirchenmann einige dieser Behauptungen weg – wenn er wusste, dass
im Saal Urchristen anwesend waren. Waren keine anwesend, brachte er die
alten Lügen wieder aufs Tapet.
Während Elze 1992 in den Ruhestand ging, wurde sein katholischer Kollege
Helmut Bauer befördert – zum Weihbischof von Würzburg. Oberbürgermeister Dr.
Zeitler hingegen sah, nach seinem Ausscheiden aus dem Amt 1990, im
etablierten Parteienspektrum keine politische Heimat mehr und wechselte in
der Euphorie der Wiedervereinigung zu den „Republikanern“, denen er 2002
wieder den Rücken kehrte. Erich Felgenhauer überwarf sich ebenfalls mit
seiner Partei, der CSU, und versuchte vergeblich, als Einzelgänger zum
Oberbürgermeister gewählt zu werden. Jens von Bandemer wiederum verließ die
Urchristen einige Jahre später wieder – mit seinen Millionen. Dass
Millionäre kamen und wieder gingen, geschah im Laufe der Jahre noch einige
Male. Denn bei den Urchristen gilt der Grundsatz: „Geist vor Geld“. Wer als
Gleicher unter Gleichen mitarbeiten und auch mit entscheiden will, ist
willkommen. Wer jedoch aus seinen Mitteln Vorrechte abzuleiten versucht, der
wird sich wieder abstoßen. Oder, wie es Jesus von Nazareth ausdrückte: „Eher
geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher in das Reich Gottes.“
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