Das Buch
 

Der Steinadler und sein Schwefelgeruch
- Das neue Mittelalter

Buch, 464 Seiten, gebunden,
mit zahlreichen Abbildungen
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ISBN 978-3-9808322-3-6

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Kapitel 3

DIE VERFOLGUNG DER URCHRISTEN IM UNIVERSELLEN LEBEN

 

Abschnitt 6
DIE VERTREIBUNG DER URCHRISTEN
AUS HETTSTADT

(1985-1993)

Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, Art. 3, Abs. 3

„Stehen Sie dem Heimholungswerk nahe?“ Gemeinderat Hermann Freund (SPD) stellte diese Frage dem Architekten Walter Frisch – und dies blieb auch die einzige Frage, die ihm an diesem 12. November 1985 im Fraktionsausschuss des Gemeinderats in Hettstadt (Landkreis Würzburg) gestellt wurde. Nachdem der Architekt die Frage, die nach dem Grundgesetz eigentlich gar nicht hätte gestellt werden dürfen, wahrheitsgemäß bejaht hatte, wurde er auch schon wieder entlassen – der Ausschuss beriet ohne ihn weiter.

Und beschloss, die bereits zugesagte Erschließung eines Baugebietes am Dorfrand auf unbestimmte Zeit zu verschieben. Dass diese „unbestimmte Zeit“ acht Jahre dauern würde, ahnte damals wohl keiner der Anwesenden.

Walter Frisch hatte im Auftrag zahlreicher Urchristen und unter tatkräftiger Mithilfe der Gemeindeverwaltung Grundstücke erworben. Die Gemeinde hatte bereits einen Erschließungsvertrag vorgelegt – im letzten Moment jedoch nicht unterschrieben.
Lag also ein Fall wie in Dettelbach vor: Man wusste angeblich nicht, mit wem man es zu tun hatte und wollte das Geschäft nun rückgängig machen? Das ist jedenfalls die Version, die hinterher Bürgermeister Waldemar Zorn der Öffentlichkeit immer wieder präsentierte: Ein „Strohmann“ habe die Grundstücke aufgekauft; er, der Bürgermeister, habe von nichts gewusst.

Einmal abgesehen davon, dass einen Bürgermeister, der seinen Amtseid auf die Verfassung geleistet hat, der Glaube seiner Mitbürger bei Amtsgeschäften nicht zu interessieren hat: Diese Version ist, gelinde gesagt, äußerst unglaubwürdig.

Bereits im Juli 1985 hatte ein Würzburger Architekt namens Groh mit Walter Frisch Kontakt aufgenommen – drei Tage, nachdem in der Main-Post zu lesen stand, dass die Urchristen – nach Ablehnung des Heuchelhof-Projekts – ihre Vorhaben nun Stück für Stück im Umkreis Würzburgs verwirklichen wollten. Dass Frisch bereits im Falle Heuchelhof als „Projektleiter“ für die Urchristen tätig war, konnte man ebenfalls den Zeitungen entnehmen. Groh bot daraufhin als Vermittler dem Kollegen Frisch fast das gesamte Hettstädter Baugebiet Grundweg-Herrenäcker zum Kauf an – und motivierte gleichzeitig die dortige dörfliche Verwaltung unter Leitung seines Schulfreundes Waldemar Zorn, etwas Bewegung in das brachliegende Baugebiet „Grundweg/Herrenäcker“ zu bringen. Die Gemeinde Hettstadt mit damals etwas über 2000 Einwohnern hatte nämlich drei Jahre zuvor ein überdimensioniertes Baugebiet ausgewiesen und wartete noch immer auf den großen Käufer-Ansturm.

Es war landkreisweit bekannt, dass die Urchristen nach der Ablehnung ihrer Pläne auf dem Heuchelhof an anderer Stelle fündig zu werden versuchten – und dass ein Architekt namens Frisch dabei als „Projektleiter“ auftrat. Nur Bürgermeister Zorn, mit seiner Gemeinde gerade einmal zehn Kilometer vom Würzburger Stadtzentrum entfernt, will von all dem nichts mitbekommen haben – auch nicht durch seinen ehemaligen Schulfreund?!
Im ersten Moment reagieren wohl alle Politiker ähnlich, wenn Kaufinteressenten auf sie zukommen: Sie wittern eine Chance, ihren Ort oder Landkreis wirtschaftlich weiterzuentwickeln. Vieles deutet darauf hin, dass Waldemar Zorn die lang herbeigesehnten Grundstücksverkäufe und die dazugehörige Erschließung unter Dach und Fach bringen wollte, ehe der Gemeinderat davon Wind bekam. Als dieser Plan nicht aufging, musste er blitzschnell den Kurs ändern – und mit den kirchlichen Wölfen heulen, um seine Karriere zu retten. Wer nun Waldemar Zorn klargemacht hat, dass er, entgegen seinem politischen Instinkt – von Verfassung und dergleichen wollen wir gar nicht reden – diese Chance nicht nützen durfte, wird wohl sein Geheimnis bleiben. Fest steht, dass der „Kolping-Bruder“ (und spätere Vorsitzende der katholischen Kolping-Familie in der Diözese Würzburg) Waldemar Zorn – zudem Cousin eines katholischen Pfarrers – über den „Bürgermeister“ Waldemar Zorn sehr rasch die Oberhand behielt.

Hatte Zorn wenige Wochen zuvor noch Grundstücksbesitzer persönlich motiviert, an Frisch zu verkaufen, lud er nun teilweise dieselben Bürger aufs Rathaus, um ihnen von einem Verkauf abzuraten. Für alle Fälle schickte er ein Rundschreiben an alle Grundstücksbesitzer im fraglichen Gelände:

„Sehr geehrte Grundstückseigentümer! In den letzten Wochen verdichtet sich bei der Gemeinde der Verdacht, dass im Bereich des Bebauungsplanes ‚Grundweg-Herrenäcker’ Grundstückskäufer unterwegs sind, hinter denen möglicherweise das ‚Heimholungswerk Jesu Christ’ (bzw. ‚Universelles Leben’) oder eine ähnlich religiöse Sekte steht. Die Gemeinde ist sich sehr wohl bewusst, daß es ausschließlich Sache des Grundstückseigentümers ist, an wen er seinen Grundbesitz verkauft. Die Gemeinde ist sich auch bewusst, daß nach dem Grundgesetz unserer Bundesrepublik Religionsfreiheit garantiert wird. Daß es sich hierbei um eine Religionsgemeinschaft handeln könnte, stört insoweit die Gemeinde auch nicht. Wir warnen vor dem Verkauf ausschließlich aus gesellschafts- und sozialpolitischen Gründen. Haben Sie bitte Verständnis, wenn wir auf diese Gründe im einzelnen in dieser Form nicht eingehen. Sollte sich jemand an Sie wegen des Verkaufs Ihres Grundstücks bzw. Ihrer Grundstücke herantreten, empfehlen wir Ihnen deshalb, sich zunächst mit der Verwaltung oder mit mir in Verbindung zu setzen. Mit freundlichen Grüßen, Zorn, Bürgermeister.“

Dieser Brief offenbart das Verfassungsverständnis vieler Politiker: Das Grundgesetz ist dazu da, dass man es bei Bedarf kurz erwähnt – um im nächsten Atemzug um so besser dagegen verstoßen zu können. Allein der kirchliche Kampfbegriff „religiöse Sekte“ zeigt, welcher Geist hier am Werke ist.

Gegenüber der Main-Post (26.11.85) erklärte Zorn, er sei „nicht bereit, dem Heimholungswerk eine mögliche Heimstatt zu bieten“. Für dieses Vorgehen habe er „das rechtliche Plazet des Innenministeriums“ in München. Hat er am Ende auch bei der Abfassung des zitierten Briefes von dort „Amtshilfe“ eingeholt?

Ähnlich wie im Fall Dettelbach ist auch in Hettstadt eine Lage entstanden, die fast allen Beteiligten nur schadet: Die Grundstückskäufer haben ihr Geld ausgegeben in dem guten Glauben, dass eine Erschließung baldmöglich erfolgt. Die Grundstückseigentümer, die noch nicht verkauft haben, können ihre Grundstücke nicht mehr landwirtschaftlich nützen, weil die Umlegung bereits erfolgt ist, die Trassen der neuen Straßen schon geschoben wurden. Die Gemeinde, die aufgrund ihrer Verschuldung dringend Neubürger bräuchte, blockiert sich selbst. Nutzen bringt die Situation nur den Kirchen, die keine religiöse Konkurrenz dulden wollen. Doch wo sollen die Urchristen hin, nachdem man sie schon in den großstädtischen Trabantenstadtteil Heuchelhof nicht hineingelassen hat?

Rechtsweg ohne Ende ...

Diesmal ziehen die 49 Siedler, die nicht bauen dürfen, vor Gericht. Sie bieten der Gemeinde an, die Erschließung auf eigene Kosten durchzuführen, was erwartungsgemäß abgelehnt wird. Vor dem Verwaltungsgericht Würzburg (1989) und, in zweiter Instanz, vor dem Bayerischen Verwaltungsgerichtshof (1991) bekommen die Urchristen recht: Die Gemeinde wird verurteilt, die Erschließung durchzuführen. Doch Hettstadt geht ein weiteres Mal in Revision – und vor dem Bundesverwaltungsgericht in Berlin werden Anfang 1993 die zuvor erlassenen Urteile plötzlich wieder aufgehoben und der Prozess an die zweite Instanz zurück verwiesen: Angeblich, so befinden die Richter Prof. Dr. Weyreuther, Dr. Kleinvogel, Prof. Dr. Driehaus, Dr. Honnacker und Sailer, wurde in den Vorinstanzen nicht geprüft, ob der Bebauungsplan überhaupt gültig ist. Daran hatte in den vorhergehenden elf Jahren, in denen dieser Plan existierte (lange bevor ein Urchrist ihn zu Gesicht bekam) allerdings noch niemand gezweifelt. Aber so ist es eben mit der „unabhängigen“ Justiz: Wenn man will, findet man immer irgendein Argument, mit dem man ein Urteil begründen kann – und sei es ein Formalismus.

Das Ende dieses Rechtsstreits war nun nicht mehr absehbar. Den Grundstückskäufern ging auch die finanzielle Puste aus – und sie verkauften ihre Grundstücke Ende 1993 an die Gemeinde Hettstadt. Kaum war dies unter Dach und Fach, begann die Gemeinde unverzüglich mit der Erschließung des Baugebiets – in Zusammenarbeit mit dem Katholischen Familienbund!

Der Leser kennt nun die Rahmenhandlung des Ringens um die „Hettstädter Heimaterde“, von der eben möglichst wenig in nicht-katholische Hände fallen sollte. Denn Hettstadt gehörte in seiner Geschichte Jahrhunderte lang zum nahe gelegenen Kloster Oberzell. Ganz konnte das Eindringen der „Ketzer“ aber nicht vermieden werden: Einige von Urchristen erworbene Grundstücke waren bereits erschlossen, und es entstanden etwa zwei Dutzend Häuser. Doch auch dies ging nicht ohne Schikane ab: In einem Fall sperrte die Gemeinde Ende Februar 1988 kurzerhand die provisorische Zufahrtsstraße zur Baustelle – die Öffnung musste daraufhin vor Gericht erkämpft werden. Am 3. Februar 1988 erlässt die Gemeinde Hettstadt sogar eine eigene Gestaltungs-Satzung für Neubauten, in der Grundrisse „auf der Grundlage eines eindeutigen Rechteckes ohne abgerundete oder einer Rundung entsprechend abgeschrägte Außenecken“ vorgeschrieben werden. „Kegel- und kuppelartige Dachformen sowie Zeltdächer sind nicht zulässig.“ Man muss dazu wissen, dass Urchristen abgerundete Bauformen bevorzugen, weil runde Formen auch in der Natur vorherrschend sind. Bauanträge für einige solcher Häuser lagen dem Hettstädter Bauausschuss am 3.11.87 vor*, als Bürgermeister Zorn plötzlich von einer „Verschandelung des gesamten Siedlungsraumes“ 376 sprach, man sei das in der Gemeinde so „nicht gewohnt“, diese „archaischen Rundbauten“ erinnerten ihn „an die Jungsteinzeit, als es noch Laub- und Holzhütten gab“. „Negerkrale“,* so äußerte er sich später, „passen nicht ins Frankenland.“ 377 Als einer der Bauherren dagegen eine Normenkontrollklage erhob, rechtfertigte die Gemeinde ihr Vorgehen mit der „fränkischen Bauweise“, die geschützt werden müsse. Durch ein unabhängiges Gutachten musste sie sich allerdings belehren lassen, dass es eine solche einheitliche Bauweise in Franken gar nicht gibt und dass die Gemeinde – hauptsächlich aufgrund von Kriegszerstörungen – auch kein einheitliches und daher schützenswertes Ortsbild aufzuweisen hat. Runde Bauformen seien eine „belebende Bereicherung“ und in der Nähe der Barockhochburg Würzburg durchaus vertretbar. Das Würzburger Szenemagazin Herr Schmidt** stellte denn auch fest, eine solche Beurteilung von Rundbauten bestehe erst, „seit bekannt ist, wer darin wohnen will“.

Der Bayerische Verwaltungsgerichtshof gibt der Normenkontrollklage recht und erklärt die Gestaltungssatzung für nichtig – allerdings erst im Hauptsacheverfahren am 25.6.1990, also nach zweieinhalb Jahren. Da diese Satzung ohne jede Übergangsfrist und Entschädigungsregel erlassen worden war, mussten einige Bauherren, die nicht so lange warten wollten, umplanen. Auch eine Entschädigung hierfür muss wiederum eingeklagt werden. Der Würzburger Rechtsanwalt Kammhuber, der die Gemeinde Hettstadt vertritt, bezeichnet die Rundhäuser in seinen Schriftsätzen als „Iglus“.

Jedes normale Bürgerrecht, jede Selbstverständlichkeit musste in Hettstadt auf dem Klageweg erfochten werden: So etwa die Genehmigung für einen Informationsstand im Dorf, mit dem die Urchristen der Bevölkerung ihre Sicht der Dinge erläutern wollten. Gemeinderat Helmut Fuchs nannte es ein „öffentliches Ärgernis“ 378, dass die urchristlichen Siedler auf dem Rathausplatz einmal für ein paar Stunden einen Stand aufbauen würden. Der Rechtsweg für eine solche Genehmigung dauerte zwei Jahre. Oder die Möglichkeit, im Gemeindeblatt Hettstadt – wie jeder andere Ortsverein – zu einer Versammlung der „Siedlergemeinschaft im Universellen Leben“ einzuladen – diese Klage nahm vier Jahre in Anspruch!

Einen Randstreifen des noch unerschlossenen Baugebietes trennte die Gemeinde ab, erschloss ihn und errichtete dort ein neues Feuerwehrhaus. Anschließend stellte man dort ein riesiges Kruzifix mit einem fast lebensgroßen Korpus auf – genau gegenüber den bereits errichteten Häusern von Urchristen. Man wusste nämlich, dass Urchristen zwar das schlichte Kreuz als christliches Symbol schätzen, nicht aber die Darstellung des Körpers des leidenden und sterbenden Jesus, die auch im Urchristentum unbekannt war.*

Verleumdungen aus dem katholischen Waffenarsenal

All diese über Jahre hinweg fortgesetzten großen und kleinen Nadelstiche und Schikanen gegen eine religiöse Minderheit bedurften natürlich einer ideologischen Rechtfertigung. Und die lieferten von Anfang an die Kirchen. Bereits die erste Schutzbehauptung Bürgermeister Zorns, man warne vor dem Universellen Leben ja nur „aus gesellschafts- und sozialpolitischen Gründen“, stammt aus dem Munitionskasten von Graf Magnis. Der katholische Rufmordbeauftragte wird auch rasch nach Hettstadt eingeladen und hält im katholischen Pfarrheim einen Vortrag gegen die Urchristen. Er wirft den Urchristen vor, „einen fanatischen Kirchenhaß“ 379 zu haben – und er hält die Bildzeitung in die Höhe, in welcher der Tod von Gerda D.380 dem Heimholungswerk in die Schuhe geschoben wird – nach dem Motto: So geht es einem, der dort mitmacht. Die Main-Post bescheinigt Magnis eine „oftmals polemische Art“ und bemerkt, es sei im Pfarrsaal „regelrecht der Teufel los“ gewesen – die Reaktionen der Hettstädter auf die Ausführungen des Grafen „reichten von tosendem Beifall über Gelächter bis zu Mitleidsbekundungen“. Bürgermeister Zorn äußert auf dieser Veranstaltung – „und da wird er von Graf Magnis bestärkt“381 – die „Befürchtung“, in von Urchristen geführten Betrieben würden die Beschäftigten weit unter Tarif entlohnt. Dadurch „käme es zu einem ungleichen Konkurrenzkampf mit normalen Handwerksbetrieben, zudem würde unser Sozialstaat ausgehöhlt“.

Einmal abgesehen davon, dass es sich bei den Planungen für Hettstadt fast ausschließlich um Wohnhäuser handelte*: Die Urchristen, das wurde in den darauf folgenden Jahren auch gerichtlich mehrfach aktenkundig, entlohnen die Beschäftigten in ihren Betrieben meist sogar übertariflich – vor allem, wenn man die großzügigen Leistungen für Kinder (1000 Mark pro Kind) mit einbezieht.

Wie schon im Fall Heuchelhof, so präsentiert Magnis auch für Hettstadt zwei sich eigentlich logisch widersprechende Horror-Szenarien. In einer 1988 erschienenen Schrift382 spricht er einerseits von einer „erschreckend großen Finanzmacht“, mit der eine „Gruppe eiskalter Wirtschaftskarrieristen“ einen „Wirtschaftsbereich“ aufbaue, „der immer stärkere Ausmaße annimmt“. (Er meint damit nicht die katholische Kirche, sondern eine Hand voll kleiner mittelständischer Betriebe!) Andererseits befürchtet er, dass „im Falle eines Sektenzerfalls, der durchaus denkbar ist ..., einer Gemeinde schwerste Soziallasten entstehen“ könnten.

Dieses „Argument“ ist besonders perfide, da ja derjenige, der es ausspricht, alles unternimmt, um einen solchen „Zerfall“ durch seinen Vernichtungskampf gegen unbescholtene Bürger auch tatsächlich herbeizuführen.

„Hettstadt“, so behauptet Graf Magnis in seiner Schrift weiter, „ist das erklärte Ziel des HHW-UL für die Verwirklichung einer Niederlassung des Christusstaates.“ Wie alle Inquisitoren versucht er, die Täter zu Opfern zu machen – und umgekehrt die Opfer der Ausgrenzung zu Tätern: „Das Baurecht gibt der Gemeinde keine rechtliche Handhabe, um sich gegen eine mittels Täuschung erschlichene Errichtung geschlossener, polit-wirtschaftlich-religiös ausgerichteter Gruppensiedlungen zu wehren. ... Nach unserer Ansicht ist im Fall Hettstadt der Gesetzgeber gefordert, um diesem Rechtsnovum per Gesetz gerecht zu werden, der Gemeinde ihre Planungshoheit zu sichern und der Errichtung solch totalitärer, polit-wirtschaftlicher Theokratien den Boden zu nehmen.“ (Weshalb beginnt der Katholik Magnis mit seinem angeblichen Kampf für die Demokratie eigentlich nicht bei der letzten noch verbliebenen absolutistischen Monarchie Europas: dem Vatikan?)

Magnis malt das Bild weiter aus: „Eine Ortsgemeinde mit insgesamt 2500 Einwohnern – davon etwa 1500 Wahlberechtigte – erhält auf einen Schlag zwischen 800 bis 900 Neubürger, die als Gruppe nur ihre eigenen radikalen ‚Geist-Gesetze’ verwirklichen wollen. So entsteht ein mächtiges Wählerpotential.“

Magnis rechnet – bewusst? – falsch: Selbst wenn seine (in Wirklichkeit überhöhten) Zahlen über die möglichen Neubürger gestimmt hätten – auf diese Weise hätte man noch immer keine Mehrheit im Gemeinderat gewinnen können. Seit 1990 beteiligen sich die Urchristen in Hettstadt tatsächlich mit einer eigenen Liste („Urdemokraten – Bürger für Recht und Gerechtigkeit“) an den Gemeinderatswahlen – womit sie diejenigen widerlegen, die ihnen vorwerfen, sich „abzuschotten“. Seither sind sie mit einer Stimme im inzwischen 16köpfigen Gemeinderat vertreten.

Für Graf Magnis ist dies alles jedoch „eine schauerliche Perspektive für die Bürger der Gemeinde und der bisher zugezogenen Wohnbürger, die ihr Leben in einer normal-bürgerlichen Umwelt ohne weltanschauliche Konflikte verbringen und ihre Kinder in einer normalbürgerlichen Umwelt aufwachsen sehen wollen“. Und „normal bürgerlich“ ist nun mal aus seiner Sicht katholisch und ketzerfrei!

Magnis stellt in seinem Pamphlet auch die These auf, die später hundertfach von kirchlichen Verleumdern und von Politikern verschiedenster Parteien wiederholt werden wird: „Die Gruppe verfolgt eigentlich politisch-wirtschaftliche Ziele.“ Das hatte übrigens auch der nationalsozialistische Stürmer (12.9.40) über die Juden behauptet: „Die Juden sind nämlich gar keine Glaubensgemeinschaft, sondern ein Bund zur Vertretung wirtschaftlicher und politischer Interessen.“ Und Adolf Hitler hatte in „Mein Kampf“ geschrieben: „Die Juden sind keine Religionsgemeinschaft.“

Zorn und Magnis: Die „Argumente“ sind die gleichen

„Hinter der ganzen Sache stehen mehr wirtschaftliche Interessen denn religiöse Intentionen“, hatte Bürgermeister Zorn sein Vorgehen gegen die urchristlichen Grundstückskäufer begründet.383 Dahinter steckt System: Man versucht, der religiösen Minderheit die Religion abzusprechen, um den im Grundgesetz vorgeschriebenen Minderheitenschutz nicht anwenden zu müssen.

Auch sonst sind die „Argumente“ von Zorn und Magnis in vielen Fällen austauschbar. Magnis behauptet, auf die Urchristen werde in den Betrieben „diktatorischer Druck“ ausgeübt, der „sehr bald als Terror zur Harmonie empfunden werden kann“. Zorn spricht auf einem Seminar der Europa-Union am 18.2.89 von einem „Zwang zur permanenten Harmonie“, der „einfach unmenschlich“ sei. Am 19.7.89 sagt er im Würzburger Lokalfernsehen TV Touring, wobei er nebenbei noch eine Liste mit 20 namentlich genannten Christusbetrieben einblenden lässt: „Wenn es außer Harmonie im Grund genommen nichts mehr geben darf, wenn es z.B. die Konfliktsituationen, die zu einer Entwicklung im Betrieb notwendig sind, nicht mehr geben darf, dann ist Harmonie ja fast etwas Tödliches.“

Weshalb ein Kirchenvertreter und ein der Kirche höriger Politiker sich „Harmonie“ offenbar nur in Verbindung mit „Zwang“ vorstellen können, wäre eine Frage an einen Psychoanalytiker. Vermutlich liegt es daran, dass ein offenes, partnerschaftliches Gespräch zur Klärung eines Konfliktes, bei dem jeder zunächst seinen Anteil sucht und dafür um Vergebung bittet, in der Kirche nicht gelehrt und vorgelebt wird – schon allein, weil es aufgrund der überall gegenwärtigen Hierarchie keine Gleichberechtigung gibt. Die Urchristen – bei denen es durchaus auch Konflikte gibt – pflegen und üben ein solches Gespräch in ihren Betrieben – sie nennen es „Harmonie-Gespräch“. Wo Solches oder Ähnliches unterbleibt, gibt es entweder die bekannte Ellbogengesellschaft – oder eine Scheinharmonie, die an die Stelle verdrängter Aggressionen tritt.

„Hängt sie auf!“ - Haacks demagogische „Meisterleistung“

Der eigentliche Urheber dieses Hirngespinsts von der „Zwangsharmonie“ ist aber möglicherweise weder Magnis noch Zorn, sondern Pfarrer Haack. Bei einem Vortrag in Marktheidenfeld im Juni 1986 meinte der Luther-Nachfolger, in der Aufforderung zur Harmonie liege „geradezu ein Zwang, ja Terror zur Harmonie“. Bei der Vorstellung eines Buches über das Universelle Leben spricht er im März 1985 auch von einem „Anspruch“ des Universellen Lebens, im kommunalen Bereich „ein streng theokratisches Weltreich Christi errichten zu wollen“.

Als ob nicht gerade die Errichtung eines Weltreichs immer schon das Ziel beider Großkirchen gewesen wäre ...

Auch Haack wird nach Hettstadt eingeladen. Er spricht am 4. Januar 1988 im von Bierdunst und Zigarettenrauch geschwängerten katholischen Pfarrsaal. Es wird der Höhepunkt seiner Karriere als Volksverhetzer sein.

Die Urchristen beteiligen sich nicht an der Veranstaltung – es stehen lediglich einige vor der Halle, die sich als Vertreter des Universellen Lebens zu erkennen geben, um für Fragen zur Verfügung zu stehen.

Haack geht sofort in die Vollen. Er spricht von „massiven Versuchen“, das „gewachsene Dorf zu erobern“. Er behauptet, eine „zunehmende Radikalisierung und Aggressivität der Christusfreunde“ feststellen zu können. Die Prophetin sei „vollkommen unberechenbar mit ihren Hauruckentscheidungen“ – „ein Problem, über das Psychiater kompetenter reden sollten“. Die Anhänger seien „zu keiner rationalen Abwägung der Dinge mehr fähig und deshalb unkalkulierbar“. Das Universelle Leben sei „von seiner Struktur antidemokratisch und diktatorisch“. Ein normales und tolerantes Zusammenleben mit der Dorfgemeinschaft wäre „von der Glaubensideologie der Christusfreunde her schon gar nicht möglich, weil diese blinden Gehorsam auf ihre Fahnen geschrieben“ hätten.

Heute, über zehn Jahre später, kann man feststellen, dass seit vielen Jahren weit über hundert Urchristen in Hettstadt leben, ohne dass auch nur das kleinste Detail von dem eingetreten wäre, was Haack hier an die Wand gemalt hat. Für andere Gemeinden gilt dasselbe. Aber durch solche demagogische Reden werden subtile Ängste geschürt und Aggressionen geweckt: Die sind unberechenbar, aggressiv ... da dürfen und müssen wir uns doch wehren!

Haack malt sein Verleumdungsbild weiter: Es werde „geballte Probleme“ geben, „soziale und gesellschaftliche Probleme ungeahnten Ausmaßes“. Ein „innerer Stacheldraht“ werde „durch den Ort gehen“. Das Universelle Leben werde bald im Gemeinderat „das ganze politische Geschick von Hettstadt in den Händen halten können“. Der Inquisitor spricht nun mit einem weiteren geschickten Schachzug das mögliche Selbstmitleid der Dorfbewohner an, indem er sie zu leidenden und gleichzeitig bedeutenden Opfern stilisiert: Hettstadt „leidet jetzt stellvertretend für viele Gemeinden in der Bundesrepublik“. „Rechnen Sie damit, dass Sie hier in Hettstadt vielleicht ein stellvertretendes Leid für unser ganzes Volk mitmachen. Was Sie hier durchleiden, ist, ein Stück Stellvertreter zu sein für unsere ganze Gemeinschaft.“ Auch mit anderen Gruppen habe es nämlich „immer Spannungen gegeben“, „Aggressionshandlungen“ bis hin zu „regelrechten Kriegszuständen“. Denn Religion sei nun mal immer „ein Konfrontationsereignis“. (Auch so kann man von sich auf andere schließen.)

Aufwertung und Schmeicheleien für die Zuhörer, gleichzeitig Abwertung und beißender Spott für die Gegner – ein simples und bewährtes Rezept aller Demagogen. Haack bezeichnet die Urchristen als eine „besondere Spezies von Menschen“, die eher „Anteilnahme“ verdienten, ein „seelsorgeintensives Potential“ darstellten, erst einmal „seelisch gesunden“ müssten. Es seien Menschen mit „eher geringen moralischen Qualitäten“, bei denen es „vor Aggression nur so wabert“, bei denen man einen „Höchstpegel an Aggressivität und Beschimpfung anderer“ erlebe, die sich „bissig, aggressiv und böswillig“ äußern, die „das Maul sehr weit aufreißen“, die „peinliche und ekelerregende Unterstellungen verbreiten“, die „andere ständig vors Schienbein treten“. Und solche Leute wollten „in den Ort einbrechen“!

Es gehört schon einige Besonnenheit und Souveränität dazu, in einer solch aufgeheizten Atmosphäre noch gedanklich zu registrieren, dass dieser gestikulierende und geifernde Pfarrer sich eigentlich ständig selbst beschreibt. Zu äußern wagt es keiner.

Nun wendet sich der Pfarrer der Lehre der Urchristen zu. Die „neueste Straftat dieser Gruppe“ sei, dass sie „frisch, fromm, fröhlich, frei“ den Begriff eines „Tausendjährigen Reiches“ verwende. Der sei „bei uns belastet“, der könne „nur ungut sein“, denn: „Niemandem fällt bei diesem Begriff Tausendjähriges Reich religiöses Gedankengut ein.“

Niemandem? Auch einem Pfarrer nicht? Kennt der studierte Theologe die Bibel nicht, wo an zahlreichen Stellen384 von einem kommenden Friedensreich die Rede ist, das eine lange Zeit – oder symbolisch gesprochen: „tausend Jahre“ – währen wird? Oder passt dem Herrn Theologen sein Wissen gerade nicht ins Konzept? Da ordnet er sich lieber, wie so viele seiner Kollegen in den 30er Jahren, geistig den Nationalsozialisten unter, die den Jahrtausende alten geistesgeschichtlichen Strom der Ankündigung eines Friedensreichs, eines „Geistzeitalters“385 für ihre verbrecherischen Ziele missbrauchten. Im Grunde genommen verhöhnt ein Pfarrer hier den christlichen Glauben und alle, die es damit ernst meinen.

Aber Haack ist längst wieder dabei, Ängste zu schüren: „Hettstadt wird die erste Bastion werden, danach wird man mehr wollen.“ „Niemand soll glauben, dass Organisationen dieser Art Halt machen können.“ „Die haben das leider an sich, dass sie überall, wo sie auftreten, Konfrontation bringen.“ Die werden versuchen, „neue Räume in Beschlag zu nehmen, bis man den ganzen Ort unterwirft“ – erst wollen sie sich „einnisten“, dann kommt der „Versuch einer Eroberung“. Er hoffe aber nicht, „dass hier ein stacheldrahteingezäuntes Gelände mit Wachturm und Hunden entsteht“, vergleichbar der „Colonia Dignidad, von der man in letzter Zeit immer in der Zeitung liest. Aber der innere Stacheldraht wird da sein.“

Es ist der Redner selbst, der in diesem Moment den „inneren Stacheldraht“ ausrollt, nicht die Urchristen. Man muss bedenken, dass zu dieser Zeit die innerdeutsche Grenze noch steht. Ein geschickter Inquisitor spricht alle unbewussten Bilder und Assoziationen an, mit denen er Angst und Abscheu hervorrufen kann.

Haacks Sätze werden am Ende seines Redeschwalls immer kürzer; stakkatoartig hämmert er seinen Zuhörern ein, was sie zu denken und zu tun haben: Man dürfe sich nicht „blind dem unterwerfen, was auf uns zukommt“. Deshalb „müssen wir unser Möglichstes tun, um hier Schranken zu setzen“. „Sie können der Sache einen entscheidenden Gute-Nacht-Stoß geben.“ Oder aber: „Tun Sie nichts, dann haben Sie nichts getan! Dann ist eines Tages der Himmel verhängt.“

Es mutet seltsam an, wie hier am Ende des 20. Jahrhunderts ein moderner Inquisitor in einem Dorf, in dem sich Menschen urchristlichen Glaubens ansiedeln wollen, ein mittelalterliches Sprachbild verwendet: Es ist, als ob er ein Interdikt androht. Wenn damals eine Stadt oder ein Dorf im Bann war, weil es z.B. Ketzern Unterschlupf gewährt hatte, dann war der „Himmel verhängt“: Es durften keine Messen, keine Beerdigungen, keine Taufen vorgenommen werden ...
Aber es könnte ja noch immer einer im Pfarrsaal sitzen, der bei sich denkt: Warum soll mer die net mach’ lass’? Oder ein anderer, der denkt: Wo bleibt da die vielgerühmte Nächstenliebe?

Ein erfahrener Inquisitor weiß, was die Leute denken. Deshalb fährt Haack fort: „Sie müssen keine Achtung vor denen haben ... Es gibt kein Gebot zur Liebe und Freundschaft und zum Hegen und Pflegen dessen, der mir ans Schienbein treten will. ... Man muss mit ihnen nichts zu tun haben.“

Jesus von Nazareth sah das wohl etwas anders. Aber noch ehe jemand darüber nachdenken kann, spielt der Herr „Pfarrer“ seinen letzten Trumpf aus: die „Heimat“ – obwohl er doch aus dieser konkreten Heimat gar nicht stammt: „Was wir verteidigen, das ist Heimat ... ist unser Dorf ... unser Hettstadt. Und wir sind doch die Verfolgten: Sie kommen hierher und wollen uns unsere Heimat stehlen und wollen uns unsere Heimat zunichte machen. Und dagegen wehren wir uns. Und wir tun das aus vollem Herzen, aus voller Überzeugung ... Wir werden das Menschenmögliche tun!“

Wer hielte es für möglich, dass ein lutherischer Pfarrer sich die „Blut-und-Boden-Mythologie“ derartig zu eigen macht? Man fühlt sich an die „Deutschen Christen“ erinnert, die in den 30er Jahren begeistert für die „nationale Idee“ eintraten.

Der Inquisitor hatte gesprochen – nun war, wie im Mittelalter, die Ortsprominenz gefordert, Stellung zu beziehen. Haack forderte auch tatsächlich die anwesenden Kommunalpolitiker auf, Hettstadt „beizustehen“. Der Landtagsabgeordnete Christian Will (CSU) erklärt daraufhin, dass „die Politiker beider Fraktionen nicht mit den Händen in den Hosentaschen dastehen werden“.386 Wenige Tage später wird er im Kreisvorstand der CSU sagen: „Wer unsere Sitten und Gesellschaftsordnung unterlaufen oder gar zerstören will, der darf nicht damit rechnen, dass wir solch einem Treiben tatenlos zusehen werden.“387 Herbert Franz (SPD), so die Main-Post (7.1.88), „unterstützte Haack bei der Behauptung, dass das Universelle Leben antidemokratisch sei, zumal auch sämtliche Betriebe der Gemeinschaft keiner Innung angehörten und die Mitarbeiter tarifrechtlich nicht geschützt, sondern eher ausgebeutet würden“.

Der Kirchenchrist hat gut gebrüllt – nur dass bis heute alle Handwerksbetriebe und Bäckereien (wie gesetzlich vorgeschrieben) einer Handwerkskammer angehören, verschweigt der Landtagsabgeordnete. Einige urchristliche Betriebe wie eine (später wieder aufgegebene) Bäckerei in Würzburg-Versbach gehörten darüber hinaus durchaus auch einer Innung an. Gut bezahlt wurden alle Angestellten – bis heute. Im Gegensatz zu den Insassen von Klöstern ...

Am Ende der Veranstaltung zeigt sich, welche Wirkung sie gehabt hat. In der Nähe des Ausgangs stehen einige Urchristen, um in einer weniger aufgeheizten Atmosphäre für ein Gespräch zur Verfügung zu stehen. „An die Wand sollte man sie stellen, alle wie sie nacheinander dastehen. Aufknüpfen!“ wird gerufen.388 „Aufhängen sollte man euch!“ Eine ältere Frau spuckt vor den Christusfreunden verächtlich aus, und jemand schreit: „Heil Hitler!“

Diese Vorkommnisse wurden später von Bürgermeister Zorn und von Kirchenvertretern bestritten. Sie sind aber nicht nur durch die Main-Post-Journalistin Susanne Betz belegt, sondern auch durch eidesstattliche Versicherungen der anwesenden Urchristen.

Das Klima verschärft sich

In der unmittelbaren Folgezeit verschärft sich das Klima im Ort. Ein Handwerksmeister wird auf der Straße als „Heimholer-Arschloch“ und „Heimholerpack“ beschimpft, das „verschwinden soll“. Rufe wie „Heimholer raus aus Hettstadt“ werden laut. In den Tagen nach dem Vortrag verschwinden von den Baustellen Werkzeuge, Folienfenster werden herausgeschlagen oder Backsteinstapel umgeworfen. Eine Frau ruft auf offener Straße: „Die sollen doch verrecken! Ich könnte ihnen ein Messer reinrennen!“ Ein zehnjähriger Bub wird in der Hettstädter Schule als „Scheiß Heimholer“ beschimpft, getreten und bedroht: „Wir machen Kleinholz aus euch!“ Als die Urchristen auf einer Pressekonferenz auf die wachsende Gewaltbereitschaft im Ort hinweisen, werfen Bürgermeister Zorn und vier Gemeinderäte umgekehrt den Urchristen vor, „Volksverhetzung“ zu betreiben.

Der Feldzug des Waldemar Zorn

Bürgermeister Zorn fühlt sich durch Haacks Vortrag bestätigt, bekommt Oberwasser, schreibt noch im Januar Briefe an den Präsidenten des Bayerischen Landtags, Franz Heubl, und an den bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß, in denen er um „Mithilfe zur Rettung unserer Gemeinde“ bittet. Er fordert den Staat auf, die Verfassungstreue der Urchristen zu überprüfen, denn: „Keine Sekte hat sich bisher so klar zur Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung ausgesprochen.“ Man strebe „die Gründung eines eigenen Staates“ an.389

So haben schon die Schriftgelehrten Jesus bei der staatlichen Obrigkeit angeklagt: Er wolle den Kaiser stürzen und sich zum König ausrufen lassen. Dass der Nazarener sagte: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“, blieb damals unberücksichtigt – so wie heute außen vor bleibt, dass die Urchristen immer wieder betonen: Das Friedensreich, auch „Christusstaat“ genannt, ist kein äußerer Staat, sondern ein Zusammenschluss von Menschen, die das innere Reich erschließen und in Frieden miteinander und mit der Natur leben wollen.

Zorn steigert die Phantasiezahlen von Graf Magnis (s.o. S. 246) noch, indem er von einem „Dorf im Dorf“ spricht, das „mit möglicherweise 1.500 bis 2.000 Einwohnern die ... über Jahrhunderte hinweg gewachsene Gemeinschaft eines fränkischen Dorfes total zerstört“.390 („Die wollen sich nicht integrieren, sondern das Dorf aufsaugen“391, behauptet Zorn später). Er wirft den Urchristen vor, „jeden Preis zu akzeptieren“392 und dadurch die Preise für sozial schwache Bauwillige in die Höhe zu treiben. (In Wirklichkeit ist es die Gemeinde selbst, die in ihrem Verhalten den Grundstücksbesitzern signalisiert, dass sie in Zukunft mehr verlangen können.) Zorn schreckt auch nicht davor zurück, die Urchristen bei dieser Gelegenheit gleich bei den Behörden zu denunzieren: Er äußert die Vermutung, dass die Christusbetriebe nicht nur gegründet wurden, „um die eigenen Anhänger dort zu beschäftigen“, sondern „um finanzielle Mittel in erheblichem Umfang zu erwirtschaften“. Damit will er den Eindruck erwecken, als ob Gewinne aus solchen Betrieben unter der Hand in das Universelle Leben fließen würden. Außerdem behauptet er, Menschen würden nicht tarifgerecht entlohnt, sondern „zur Gewinnoptimierung ausgenutzt“. Mit „großer Wahrscheinlichkeit“, so Zorn weiter, gebe es in diesen Betrieben ausländische Arbeitnehmer, die „keine Arbeitserlaubnis haben“, also handle es sich „möglicherweise um illegale Beschäftigungen“.393

Auch an diesen Anschuldigungen ist nichts dran. Das musste auch das Bayerische Innenministerium erkennen, das in einem Bericht vom 13.2.89394 alle verfügbaren Informationen aus bayerischen Behörden zusammentrug. Die zuständigen Beamten sind zwar nicht in der Lage, zwischen Angehörigen der Glaubensgemeinschaft Universelles Leben und der Glaubensgemeinschaft selbst zu unterscheiden – so behaupten sie, „die Glaubensgemeinschaft“ habe „größere Teile eines neu ausgewiesenen Baugebiets in ihren Besitz gebracht“. Doch alle zuständigen Ressorts geben die Auskunft, dass irgendwelche Gesetzesverstöße oder strafbare Handlungen nicht bekannt sind. Die Federführung für den Bericht hat übrigens der CSU-Abgeordnete und Innen-Staatssekretär Peter Gauweiler – den seine hier gesammelten Erkenntnisse aber nicht daran hindern, ein Jahr später gegen den Gut-zum-Leben-Marktstand in München zu hetzen.395

Eine eigene Petition (1988) der Urchristen an den Bayerischen Landtag blieb ohne Erfolg – die CSU-Mehrheit lehnte im zuständigen Ausschuss den Antrag von SPD und Grünen ab, den Grundstücksbesitzern wenigstens ihre Grundstücke, auf denen sie nun nichts mehr bauen können, wieder abzukaufen. Dies erfolgte dann erst 1993, obwohl die Urchristen es schon seit 1989 immer wieder angeboten hatten. Auch eine Bitte an den Bundespräsidenten Weizsäcker um ein Gespräch wurde abgeschlagen. Vor Ort in Hettstadt war die F.D.P. des Landkreises Würzburg die einzige Partei, die klar Stellung bezog: Sie verteilte im April 1988 ein Flugblatt, auf dem die zur Gleichbehandlung aller Bürger verpflichtenden Artikel des Grundgesetzes und der Bayerischen Verfassung abgedruckt waren, verbunden mit dem Kommentar: „Freiheitliche Demokratie heißt nicht nur, die eigene Freiheit zu beanspruchen, sondern vielmehr auch, die Freiheit aller Mitbürger zu respektieren, auch wenn deren Lebensweise den eigenen Vorstellungen widerspricht.“ Es ist bezeichnend, dass diese Stimme – offenbar ausgelöst durch den Versuch der Gemeinde Hettstadt, den Bürgern sogar die Ecken ihrer Häuser noch vorzuschreiben – während der Hettstadter Auseinandersetzung die einzige offene Stellungnahme für die Verfassung aus dem Parteienspektrum war. Und die stammte, wiederum bezeichnend, von einer Partei, die in dieser Region kaum etwas zu verlieren hat ...

Waldemar Zorn versuchte derweil weiter, die Urchristen anzuschwärzen. Als Vertreter der Urchristen der Gemeinde vorwarfen, sie schade sich durch ihre Blockade selbst, weil ihr Steuereinnahmen entgingen, verkündete er am 20.1.90 öffentlich396, kein Christusbetrieb habe „bis zum heutigen Tag“ auch nur „eine einzige Mark Gewerbesteuer“ bezahlt.

Abgesehen davon, dass er damit das Steuergeheimnis verletzte – durch die Blockadetaktik der Gemeinde gab es zu diesem Zeitpunkt (und auch später) kaum solche Betriebe im Dorf. Ein Handwerksbetrieb mit dem Namen „Wir sind für Sie da“ war gerade erst im Aufbau* und daher noch nicht in der Gewinnzone, bei zwei anderen kleinen Betrieben war es ähnlich – alle entrichteten aber die ansonsten anfallenden Steuern in korrekter Weise.

Zorn beließ es aber nicht dabei. Er wurde im Bayerischen Finanzministerium vorstellig und log, dass sich die Balken bogen: Es gebe in seiner Gemeinde „22 Betriebe des Heimholungswerkes mit bis zu 50 Beschäftigten“, von denen „keiner Gewerbesteuer zahle“. Die Behörde ordnete daraufhin eine außerordentliche Betriebsprüfung an – und zwar nicht nur in Hettstadt, sondern im ganzen Umkreis von Würzburg, einschließlich des Vereines Universelles Leben. Auch wenn die Beamten wieder nichts fanden – der intrigante Kolping-Funktionär hatte damit Auseinandersetzungen über die Gemeinnützigkeit des Universellen Lebens losgetreten, über die noch Näheres berichtet wird (S. 395 ff.). Dass wir heute überhaupt etwas von diesen Machenschaften wissen, verdanken wir der Gesprächsnotiz397 eines Beamten aus dem Finanzministerium, die bei späterer Akteneinsicht im Rahmen eines Prozesses zu Tage trat.

Zorn gefällt sich mittlerweile in der Rolle des gegen eine „Sekte“ kämpfenden Bürgermeisters, gibt landauf, landab Interviews, hält von Miltenberg bis Zwiesel im Bayerischen Wald Vorträge, in denen er behauptet, sein Dorf sei im Begriff, von einem „getarnten Wirtschaftsunternehmen“ „systematisch unterwandert“ zu werden, tritt in Fernsehen und Rundfunk auf, die seine Thesen bereitwillig weiter verbreiten. Gegenüber den Fränkischen Nachrichten (19.5.90) sagt er in einem Interview auf die Frage, ob er im Universellen Leben eine „Gefahr“ sehe:

„Eine absolute Gefahr, sogar eine tödliche Gefahr für dieses Dorf Hettstadt, weil hier eine Sekte versucht, in ein Dorf einzudringen, sich dieses Dorf gefügig zu machen und in diesem Dorf eine eigene Gemeinde zu errichten, die völlig in sich geschlossen und autark künftig existieren soll. Ein solches Gebilde ist absolut unvereinbar mit der freien Gesellschaft eines Dorfes ... Ich bin davon überzeugt, wir werden dieses Problem bis zum Jahr 2000 gelöst haben.“

Zorn bringt ständig zwei Ebenen durcheinander: Die Ebene einer Ortsgemeinde, in der einige Urchristen Häuser bauen. Und die Ebene einer „Gemeinde“ im religiösen Sinne, welche die Urchristen zu diesem Zeitpunkt ebenfalls gegründet hatten – die jedoch von Anfang an nicht an einen äußeren Ort gebunden ist.398

Ein Bürgermeister sollte sich an die Verfassung halten

Dass ein Bürgermeister, der ja als Amtsperson der weltanschaulichen Neutralität verpflichtet ist, so über eine religiöse Minderheit herziehen darf, konnten die Urchristen einfach nicht glauben. Deshalb reichten sie am 12.7.93 eine Klage und gleichzeitig einen Antrag auf einstweilige Anordnung gegen die ehrverletzenden Äußerungen des Bürgermeisters ein. Bereits am 11.8.93 untersagte das Verwaltungsgericht Würzburg Zorn vorläufig die Behauptungen, das Universelle Leben sei keine Glaubensgemeinschaft, sondern ein „Wirtschaftskonzern mit weitverzweigten Geschäften und knallharten Managern“, eine „wirtschaftliche Organisation mit religiösem Deckmantel“, hinter der „eine kleine Riege von Geschäftemachern“ stünde, die „mit allen Wassern gewaschen“ sei, es handle sich um eine „Sekte“, die ein „sektenartiges Dorf“ gründen wolle und daher eine „Gefahr“ für das Dorf darstelle – und deren Angehörige zum Teil versuchten, eine „Angstpsychose innerhalb der Sekte“ zu erzeugen. Zur Begründung erläuterte das Gericht, ein Bürgermeister dürfe sich nicht an einer „weltanschaulichen Auseinandersetzung beteiligen“ und dürfe religiöse Überzeugungen „nicht verbieten, bekämpfen und auch nicht ablehnen oder abwerten“. Dies gebiete die Verpflichtung des Staates zu weltanschaulicher Neutralität und Toleranz. Dem Bürgermeister sei es nicht gelungen, irgendwelche Umstände glaubhaft zu machen, „beispielweise grundrechtswidrige Praktiken, Freiheitsbeeinträchtigungen oder Aufforderungen zu grundrechtswidrigen Handlungen“, die einen derartigen Eingriff in das Grundrecht der weltanschaulichen Gleichbehandlung rechtfertigen könnten. Auch das Wort „Sekte“ sei für einen Vertreter des Staates eine unzulässige Abwertung.

Zorn hält sich jedoch nicht an die Auflagen des Gerichts. Dreimal beschimpft er das Universelle Leben nochmals in ähnlicher Weise, sagt beispielsweise dem Spiegel (14.3.94), das Universelle Leben sei für Hettstadt „tödlich“ – und dreimal wird gegen ihn gerichtlich ein Ordnungsgeld (5.000, 7.500, 10.000 DM) verhängt – das aber vermutlich nicht er, sondern die Gemeindekasse zahlt. Beschwerden gegen diese Ordnungsgelder bis hin zum Verwaltungsgerichtshof in München werden abgewiesen, auch in der Hauptsache bleibt das Würzburger Verwaltungsgericht bei seiner Entscheidung (8.2.95).

Dies ist zweifelsohne ein Erfolg für den Rechtsstaat. Allerdings betrifft diese Entscheidung nur Amtspersonen in Ausübung ihrer Amtstätigkeit. Das Main-Echo (19.8.93) brachte es auf den Punkt: „Als Bürgermeister muß sich Zorn künftig eine genau aufgelistete Reihe von Aussagen verkneifen, als Vorsitzender der Kolpingsfamilie, als CSU-Parteipolitiker und als Privatmann darf er jedoch weiterhin die Vorwürfe wiederholen, die er ... gemacht hatte.“ Wer also katholisch oder lutherisch ist, darf ohne Skrupel weiter das achte Gebot* missachten, wie es die Kirche schon im Mittelalter verkündete: „Treu und Glauben braucht einem Ketzer nicht gehalten zu werden, und der Betrug, gegen ihn geübt, wird geheiligt.“399 Besonders „geheiligt“ wird die Verleumdung, wenn sie ein Pfarrer im Talar ausspricht – und wird von der Justiz aufgrund einer extensiv ausgelegten „freien Meinungsäußerung“ gedeckt.

Aber auch gegenüber Amtspersonen, die sich zu Glaubenswächtern aufspielen, ist die religiöse Neutralität nicht ohne weiteres juristisch so durchsetzbar wie im Falle Hettstadt. Im August „befürchtet“ der Wertheimer Oberbürgermeister Stefan Gläser (CDU), Anhänger des Universellen Lebens wollten im Wertheimer Ortsteil Höhefeld einen zweiten Bauernhof erwerben; dadurch bestehe die „Gefahr“ einer „Unterwanderung“ und einer „Dominierung des Ortsgeschehens“, weil auch gescheite Leute „nicht gefeit“ seien, der Organisation „zu verfallen“.400 (Wie gefährlich muss eine Organisation sein, wenn sie schon mit zwei Bauernhöfen einen ganzen Ort dominieren kann!) Die Urchristen sehen hier einen Parallelfall zu Hettstadt, auf das sich Gläser auch noch selbst beruft – doch das Verwaltungsgericht Stuttgart lehnt es ab, dem Oberbürgermeister diese diskriminierenden Äußerungen zu untersagen: Die Äußerungen seien „nicht gesichert“ und es bestehe „keine Wiederholungsgefahr“ – eine merkwürdige Aussage, wenn man bedenkt, dass Gläser es abgelehnt hatte, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben, und dass er öffentlich erklärt hatte, er wolle sich „nicht beirren“ lassen und man wolle ihn „einschüchtern“.401 (Der Täter macht sich immer gern zum Opfer.) Im Gerichtsverfahren, das trotz eines Eilantrags vier Monate auf sich warten ließ, bestritt der Oberbürgermeister jedoch, die beanstandeten Aussagen „so gemacht“ zu haben. Nur deshalb kam er davon – doch die Presse druckte brav eine Pressemitteilung der Stadt Wertheim ab, wonach das Gericht den Antrag „rundweg abgelehnt“ habe. Der Oberbürgermeister bekomme „keinen Maulkorb“, so die Tauber-Zeitung (29.1.94). Weil das Gericht immerhin die Hoffnung geäußert hatte, die Stadt Wertheim werde „künftig ... eine Herbabsetzung der religiösen Überzeugungen der Anhänger des ‚Universellen Lebens’ ... vermeiden“ 402, sahen die Urchristen den Zweck ihrer Beanstandung erfüllt und verzichteten auf eine langwierige Hauptsache-Klage. Doch der evangelisch-lutherische Oberbürgermeister, der nach eigener Aussage „auch in der Kirche in einem Wahlamt engagiert“ 403 ist, diskriminiert die Urchristen unbeirrt weiter. Am 10. Oktober 1994 beklagt er in einem Brief an die Sozialministerin von Baden-Württemberg, Helga Solinger, die „systematische Durchwucherung“ der Region „mittels eines undurchsichtigen, vielfach verzweigten Firmen- und Geschäftsapparats“. Dass eine Sozialstation der Urchristen „weit vorgedrungen“ sei und mit anderen Sozialstationen „konkurriert“, ist ihm ein Dorn im Auge. Weiterhin suggeriert er, das Universelle Leben habe über eine von Urchristen geführte EDV-Firma „Zugang zu tausenden Patientendateien“ – und unterstellt damit der Firma Geheimnisverrat!404

Die Hysterie, mit der Bürgermeister Zorn in Hettstadt auf die Ansiedlung von Urchristen reagierte, wirkte also offenbar auf Kollegen ansteckend. Dass den diskriminierenden Äußerungen einer Amtsperson zumindest in Hettstadt ein gerichtlicher Riegel vorgeschoben wurde, brachte den Urchristen in der Öffentlichkeit nur sehr begrenzten Gewinn. Dafür sorgte schon der Main-Post-Journalist Tilman Toepfer, der am 14.8.93 im Regionalteil des Blattes verlauten ließ: „Einstweilige Anordnung verbietet Kritik – Ein Maulkorb für die Vertreter Hettstadts“. In einem Kommentar erhob Toepfer den Anspruch, die Meinungen Zorns seien das, „was kritisch denkende Menschen glauben“ – oder zu glauben haben? Nachdem Zorn das erste Mal wegen nicht nachlassender Verleumdungen zu einem Ordnungsgeld verurteilt wurde, bemerkte Toepfer405, Zorn dürfe ja als Privatmann weiterhin alles sagen – doch das wären „Kindereien“: „Von Bürgermeistern und Kommunalpolitikern erwarten die Bürger doch, dass sie ihre Standpunkte haben und auch vertreten. ‚Neutrale’ Politiker gibt es mehr als genug: null Profil, Fähnchen nach dem Wind und immer schön auf die Paragraphen geschaut.“ So gelingt es einem Bürgermeister und einem Journalisten, eine Missachtung des deutschen Grundgesetzes nicht nur als Kavaliersdelikt herunterzuspielen, sondern auch noch als besonders „charakterstark“ hinzustellen.

Eine „Bürgerinitiative“ wird gegründet

Zorns ständige Tiraden gegen die urchristlichen Siedler dienten aber wohl eher dem Beweis seiner eigenen „Rechtgläubigkeit“ und seiner Karriereförderung. Die Rolle des „Einpeitschers“ gegen die Neusiedler hatte ihm längst eine „Bürgerinitiative gegen die Vorhaben des Heimholungswerks-Universelles Leben in Hettstadt“ abgenommen. Im März 1988, kurz nach Pfarrer Haacks verleumderischem Höhepunkt im Pfarrheim, trat sie das erst Mal an die Öffentlichkeit. Vermutlich hat Haack als erfahrener „Initiativen“-Gründer den entscheidenden Tipp dazu gegeben. Ausgerechnet ein Rheinländer, der Ingenieur Hans-Walter Jungen, fühlte sich dazu berufen, den fränkischen Heimatort vor der „Zerstörung“ durch eine „extreme Gruppierung“ zu retten. Die als Verein eingetragene Initiative, zu der als Gründungsmitglieder Frau und Sohn des Bürgermeisters gehören, bezweckt laut Satzung „ ... das Verhindern des massiven Ansiedelns von Organisationen und Personen, die dem ‚Heimholungswerk-Universelles Leben’ angehören bzw. nahestehen, in Hettstadt“. Auf Veranlassung des Amtsgerichts Würzburg wurde vor diese Formulierung noch eingeschoben: „ ... gewaltlos und im Rahmen der von den Gesetzen zugelassenen Mittel.“ Trotz dieser Ergänzung ist ein solcher Vereinszweck, der auf die Diskriminierung von Menschen einer bestimmten Religionsgemeinschaft abzielt, verfassungswidrig. Das Landratsamt Würzburg, auf diesen Umstand aufmerksam gemacht und aufgefordert, dem Verein die Rechtsfähigkeit zu entziehen406, reagierte jedoch nicht.

Zunächst besteht die „Arbeit“ der Bürgerinitiative darin, die jeweils neusten polemischen Artikel der Tagespresse (z.B. einen Bericht über den Vortrag Pfarrer Haacks, natürlich ohne Begleiterscheinungen wie „Hängt-sie-auf“-Rufe) zu kopieren, in Form von „Informationsblättern“ zu verteilen und an den dörflichen Anschlagtafeln anzuheften. Als auch die Urchristen beginnen, dort Artikel anzubringen, beschließt der Gemeinderat, dass alle Anschläge ab sofort im Rathaus angemeldet werden müssen ...

Obwohl die eifrigsten Hetzer gegen die Urchristen nicht alle auch eifrige Kirchgänger waren (der damalige katholische Pfarrer mahnte eher zu einer Verständigung), wollen sie auf kirchlichen Segen ihres „Abwehrkampfes“ nicht verzichten. Im April 1989 verteilt die Bürgerinitiative das Ergebnisprotokoll einer Tagung des Diözesanrats der Katholiken im Bistum Würzburg, hauptsächlich eine Anhäufung von Zitaten aus den Schriften von Graf Magnis. Die Katholiken fordern „begriffliche Klarheit“, indem man das Universelle Leben nicht als „Glaubens- und Religionsgemeinschaft“, sondern als „Wirtschaftsgruppe“ bezeichnen solle. „Wovor wir uns hüten sollten“, das sind nach ihrer Ansicht: „Gleichgültigkeit – Naivität – Verdrängung – ... übertriebene Liberalität – Rückzug auf den Standpunkt religiöser Toleranz.“ Es folgt ein unverblümter Aufruf zum Verkaufsboykott: „Verantwortungsbewußte Überlegung, bevor man beim HHW/UL kauft, bzw. an das HHW/UL verkauft: Soll ich der Wirtschaftsgruppe Mittel an die Macht geben, die zum Schaden unserer Gemeinschaft eingesetzt werden könnten?“ Am Ende wird der polnische Antisemit Maximilian Kolbe zitiert: „Wir dürfen nicht untätig herumstehen, wenn die Kirche Gottes den massiven Angriffen ihrer Gegner ausgesetzt ist. ... Denken wir daran: Beim Jüngsten Gericht werden wir nicht nur Rechenschaft über das abzulegen haben, was wir getan haben; Gott wird auch darauf achten, was wir unterlassen haben.“

Hans-Walter Jungen unterlässt es jedenfalls nicht, in Ausübung seiner katholischen Mission zu lügen, dass sich die Balken biegen – so etwa am 16.1.89, als er, gemeinsam mit dem Bürgermeistersohn Matthias Zorn, in Erlenbach am Main einen Vortrag über das Universelle Leben hält. Er wiederholt die falsche Magnis-Behauptung, Urchristen hätten täglich „vier bis fünf Stunden Meditationspflicht“, es gebe „keinen persönlichen Freiraum“. Dann versteigt sich Jungen sogar zu der Lüge, nachts würden auf dem von Urchristen geführten Bauernhof in Ruppertzaint in großen Lastwagen Tomaten aus dem Ausland, z.B. aus Holland, angeliefert und dann „für gutes Geld“ als hofeigene Tomaten auf dem Markt verkauft. Die Firma Gut zum Leben geht sofort gerichtlich gegen diese Rufschädigung vor mit einer eidesstattlichen Versicherung, dass niemals Tomaten aus konventionellem Anbau angeliefert worden seien. Im Gerichtsverfahren wird dann jedoch die Hauptsache für erledigt erklärt, weil Jungen bestreitet, diese Äußerung überhaupt so gemacht zu haben – obwohl er in einer ersten Schutzschrift selbst zugegeben hatte, von Lastwagen mit Tomaten aus Italien oder Holland gesprochen zu haben.

Das war nicht der letzte Fall, in dem Jungen die Wahrheit bzw. Unwahrheit auch vor Gericht so drehte und wendete, wie es ihm gerade zupass kam. 1993 hatte der Stern ihn mit den Worten zitiert: „Die sind so gefährlich, weil sie Schwerkranke vom Gang zum Arzt abhalten. Manche Kranke werden in den Wahnsinn getrieben.“ 407 Weil dies eine böswillige Verleumdung ist, wurde der Stern dazu verurteilt, dies zu widerrufen und nicht mehr zu wiederholen. Jungen aber bestritt, diese Aussage gemacht zu haben. Wenige Monate später aber erklärte er in der Berufungsverhandlung gegen den Stern (bei der er persönlich gar nicht belangt wurde), man hätte vielleicht doch den Eindruck bekommen können, er habe so etwas gesagt. Jungen zum ersten oder Jungen zum zweiten – einer von beiden muss vor Gericht gelogen haben. Eine Strafanzeige wegen eidlicher Falschaussage wurde jedoch von der Staatsanwaltschaft Würzburg eingestellt – er habe sich vielleicht nicht sofort an all diese Dinge (die erst wenige Monate zurücklagen!) erinnern können.

Auch als Jungen wiederholt in Presse und Fernsehen408 im Zusammenhang mit dem Universellen Leben behauptet, er habe von dort „Morddrohungen“ erhalten, wird er deshalb noch lange nicht zur Rechenschaft gezogen. Nach dreijährigem Rechtsstreit stellt Richter Stößner vom Landgericht Würzburg409 zwar fest, dass die Richtigkeit der Behauptungen nicht bewiesen worden sei. Doch er verurteilt Jungen nicht – weil der Verein Universelles Leben nicht identisch sei mit den „Anhängern des Universellen Lebens“, die Jungen als Urheber genannt habe. Es sollte nicht das letzte Mal bleiben, dass ein Gericht, offenbar in Ermangelung eines anderen Fluchtweges, mit solchen Haarspaltereien dem Universellen Leben jeglichen Rechtsschutz vor Verleumdungen verweigert. (Man stelle sich vor: Wenn jemand nachweislich antisemitische Äußerungen verbreitet hätte, und ein deutsches Gericht hätte gesagt: „Wir verurteilen ihn nicht, weil die israelitische Kultusgemeinde nicht für die Juden sprechen kann ... “)

Im Juli 1993 sagte Jungen in einem Verfahren gegen den Fernsehsender Pro 7 (S. 317 ff.) als Zeuge aus. Er hatte mit der gesamten Bürgerinitiative im Schlepptau das Kamerateam auf das Privatgelände eines von Urchristen geführten Bauernhofes in Greußenheim bei Hettstadt geführt. Ein Urchrist mit zwei Schäferhunden kam vorbei und forderte sie zum Verlassen des Geländes auf. Jungen behauptete nun, die Hunde hätten an der Leine gezerrt und der Hundeführer habe sie mit dem Kommando „Fass, fass“ auf die Eindringlinge losgelassen. So war es auch im Fernsehen dargestellt worden. Doch eine Hundeleine war gar nicht vorhanden, an der die Hunde hätten „zerren“ können. Der beschuldigte Urchrist ließ sie vielmehr neben sich absitzen und hielt sie die ganze Zeit über an den Nackenhaaren fest. Die Worte „Fass, fass“ wurden, auch auf der im Fernsehen gezeigten Aufnahme, von niemandem ausgesprochen. Auch hier erstatteten die Urchristen Strafanzeige wegen falscher Zeugenaussage – doch der Oberstaatsanwalt aus Würzburg stellte sie ein: weil ihm nur eine beglaubigte Kopie der fraglichen eidesstattlichen Erklärung Jungens vorgelegt worden war und kein Original ... Immerhin wurde aber dem Fernsehsender untersagt, die Behauptung zu wiederholen, es seien „Hunde auf die Reporter gehetzt“ worden.

Jungens abenteuerlicher Umgang mit der Wahrheit wirkt auf andere Mitglieder seiner Initiative offenbar ansteckend. Frau T. aus Hettstadt sagt im Bayerischen Fernsehen (2.2.89): „Eine Mafia ist das für mich.“ Frau S. behauptet im Westdeutschen Fernsehen410, im Universellen Leben würden „Ehen zerstört“ und wer etwas sage, werde „massiv bedroht“. Als „Beleg“ legt sie eine bereits erwähnte411 eidesstattliche Versicherung aus dem Bayerischen Wald vor, die sich leicht entkräften lässt. Vor Gericht nimmt Frau S. ihre Aussage zurück – aber die Main-Post hatte die Falschmeldung inzwischen schon übernommen (27.5.93) und musste prompt eine Gegendarstellung bringen. Doch die Verleumdung ist in der Welt ...

Als die Urchristen im Mai 1988 ein Festival in München abhalten, demonstrieren dort einige Mitglieder der Bürgerinitiative gegen die „Sektensiedlung“ – und behaupten hinterher, die Prophetin Gabriele sei gar nicht bei der Veranstaltung gewesen, obwohl Hunderte von Besuchern das Gegenteil bezeugen konnten. Die Veranstaltung hätte wegen einer Bombendrohung fast unterbrochen werden müssen ...

Verleumdungs-Hilfe von Rechtsaußen

Unterstützung erhalten die Gegner der Urchristen auch von rechtspopulistischer Seite. Am 18. Februar 1989 lädt die Europa-Union Würzburg zu einem Seminar ein mit dem Thema „Gefährden Sekten die Freiheit?“ Hauptredner ist der Würzburger Soziologieprofessor Lothar Bossle, ein äußerst umstrittener Mann, der seinerzeit nur durch massive Protektion von Franz-Josef Strauß und gegen den Widerstand fast der gesamten Würzburger Universität auf seinen Lehrstuhl gekommen war; der sich durch die undurchsichtige Vergabe von Doktorarbeiten und durch die Veröffentlichung derselben in einem eigenen Verlag in Verruf gebracht hat und als Rechtsaußen in der CSU gilt; der wegen seiner undurchschaubaren Kontakte zur rechtsgerichteten und deutschtümelnden „Colonia Dignidad“ in Chile im Kreuzfeuer der Kritik steht. Ausgerechnet dieser Mann wird nun zum „Experten“ hochstilisiert, um über das Universelle Leben zu urteilen. Er diffamiert das Universelle Leben als „kapitalistische Spekulationsgruppe“, beschreibt die – ihm offensichtlich bestens bekannten – Sicherheitsmaßnahmen in der Colonia Dignidad, um dem anwesenden Bürgermeister Zorn zuzurufen: „Wenn diese Siedlung zustande kommt, wird man sie hermetisch abriegeln, um sich vor Außenkontakten zu schützen.“ Bossle spricht von „terroristischer Kontrolle“ und meint, Sekten könnten auch nicht das Grundgesetz in Anspruch nehmen, weil sie „wahrscheinlich“ nicht mehr verfassungskonform seien. Am Ende seines Vortrags ruft er die ca. 60 Besucher auf: „Kirche und Parteien müssen für die Erhaltung der Freiheit kämpfen!“

Als anschließend Versammlungsleiter Anton Halbich von der Europa-Union auch die Anhänger des Universellen Lebens zu Wortbeiträgen auffordert, meldet sich ein junger Urchrist und hält eine Ausgabe der Münchner Abendzeitung hoch, deren Schlagzeile lautet: „CSU-Professor macht Geschäfte mit Millionenbetrügern“. Gemeint war Prof. Bossle. Daraufhin verliert der Versammlungsleiter, beruflich Lehrer an einer Polizeischule (!), die Fassung, und erteilt dem jungen Mann Rede- und Hausverbot. Als dieser nicht umgehend den Saal verlässt, stürzt sich Halbich auf ihn und zerrt ihn gewaltsam – unter Beifall und Johlen der Anwesenden – zur Tür. Als sich daraufhin Alfred Schulte, damals Pressesprecher des Universellen Lebens, zu Wort melden will – der Versammlungsleiter hatte ja darum gebeten –, bricht Halbich entnervt die Veranstaltung ab.

Ein halbes Jahr später ist es der Bossle-Schüler Halbich selbst, der bei einem weiteren Seminar der Europa-Union das große Wort führt. Am 23.9.89 betont er, man wolle bei uns „keine Priesterherrschaft wie im Iran“. Er spricht von „Sektensoldaten“ und „Sektenoffizieren“ – so denkt offenbar ein Polizeilehrer, wenn er von sich auf andere schließt. Es sei „paradox“, dass man die volkseigenen Betriebe der DDR nun abreiße, während man im freien Westen „sekteneigene Betriebe“ aufbaue. Halbich bedient sämtliche Klischees der Kommunistenfurcht aus dem Kalten Krieg, spricht von „Sektensozialismus“, „Sektokratie“ und „Einmarsch“, appelliert andererseits an den kleinbürgerlichen Neid: Hier würden „Prachtbauten der Marke Maharadscha“ errichtet, das sei „Sekten-Kapitalismus“. Sind die Urchristen nun „Kapitalisten“ oder „Sozialisten“ oder beides? Halbich merkt offenbar gar nicht, dass er sich ständig selbst widerspricht. Er suggeriert in Hettstadt – das nächste rechtskonservative Angstklischee – eine „schleichende Heimatvertreibung“: „Das fränkische Heimatdorf Hettstadt wird es dann sicherlich nicht mehr geben ...“ „Ist im fränkischen Heimatdorf das Schwert des Kapitals eingefahren?“, fragt Halbich bei einem dritten Seminar im Januar 1990 – und nennt die Urchristen die „Khomeinis von Hettstadt“. Jungens Bürgerinitiative verbreitet solche Hetze natürlich jedes Mal eifrig im Dorf.

Die Hettstädter „Dolchstoßlegende“ und ihre Vermarktung

Auf diese Weise haben Magnis, Haack, Zorn, Jungen, Halbich und andere in kurzer Zeit ein Argumentationsmuster aufgebaut, eine Art „Dolchstoßlegende“, die von den Medien bereitwillig übernommen wird. Schon in den Zeitungs-Überschriften kommt zum Ausdruck, welche Partei die Gazetten ergreifen: „Streit mit Sektenfanatikern findet kein Ende“ (Saale-Zeitung, 11.8.88), „Hettstadt gegen Sektenplanung“ (Münchner Merkur, 24.5.88), „Von Käufern überrollt – Sektenmitglieder reißen sich um Bauland“ (Nürnberger Nachrichten, 25.5.88), „Hettstädter wehren sich gegen Sekte“ (Saale-Zeitung, 13.5.87), „Heimholer-Sekte verhält sich radikal“ (Main-Echo, 18.8.88 – über einem Leserbrief von Jungen), „Ein Dorf kämpft gegen das Universelle Leben“ (taz, 1.4.89). Auch das Bayerische Fernsehen schürt das Feuer in fast regelmäßigen Abständen, so z.B. am 2.2.89 in der Sendung „Stationen“: „Hettstadt bei Würzburg: Aufregung und Ärger regieren das 2.500-Seelen-Dorf, seitdem hier am sogenannten Christusstaat gebaut wird. So jedenfalls will es die Glaubensgemeinschaft Universelles Leben.“ Gebaut wird in Wirklichkeit an einem Dutzend Häusern, und die Glaubensgemeinschaft hat immer betont, dass der „Christusstaat“ und das „Neue Jerusalem“ ein zukünftiges geistiges Geschehen sein wird, das nicht in einem Dorf am Reißbrett konstruierbar ist, sondern das allmählich in den Herzen friedfertiger Menschen entsteht. Aber was interessiert die Medien die Sicht der Betroffenen. „Dies ist das Neue Jerusalem, eine Siedlung bei Hettstadt in der Nähe von Würzburg“, verkündet der Fernsehjournalist Lösch im Bayerischen Fernsehen am 26.9.90. „Für Bewohner, so heißt es, könne hier wie in einer Arche der Weltuntergang erlebt werden. Bauherr dieser Ortschaft ist das sogenannte Heimholungswerk Jesu Christi.“ Wie denn das? Die Glaubensgemeinschaft besitzt dort kein einziges Grundstück ... Zu Wort kommen in solchen Sendungen hauptsächlich Zorn, Jungen, Magnis, der in die Kamera spricht: „Ich würde sagen, es ist eine entsetzliche Pervertierung der Religion ... Ich denke immer an Colonia Dignidad in Chile, die liegt mir hier sehr auf der Zunge, weil auch da wird eine Riesenschar grauer Mäuse gezüchtet, die nach dem Kommando einer Führungscrew agieren und leben.“ Und für derlei Methoden ist die katholische Kirche ja Expertin.

Über die Grenzen Bayerns hinaus bekannt wird der Fall Hettstadt aber erst Ende 1992. Pfarrer Wolfgang Behnk hat zu diesem Zeitpunkt den 1991 verstorbenen Friedrich Haack als Rufmordbeauftragter der lutherischen Kirche in Bayern abgelöst – und den kirchlichen Einfluss auf die Medien als neues Arbeitsfeld entdeckt. Am 6.12.92 lässt er sich in die ZDF-Frauensendung Mona Lisa einladen – und die Journalistin Helga Ettenhuber bringt in einem Filmbeitrag schon mal den erwünschten Zungenschlag hinein: „Das Neue Jerusalem sollte in der Gemeinde Hettstadt entstehen. Mit enormen Geldmitteln kaufte das Universelle Leben hier Grund.“ Wieder der gleiche Unfug, den ein Sender vom anderen übernimmt. Manche können es noch primitiver: „Wie ein Krake macht sich dort die Sekte Universelles Leben breit“: SAT 1,10.3.93. Oder Detlev Cosmann in der Sendung „ZAK“ vom Westdeutschen Rundfunk (25.4.93): „Und dann Neu-Jerusalem, die Problemzone. Ein Dutzend Sektenhäuser, mehr bislang nicht. Dabei hätten es mindestens 86 werden sollen. ... Und 1.500 bis 2.000 Sektenmitglieder hätten so nach Hettstadt ziehen sollen, um dann dort die Mehrheitsverhältnisse im Gemeinderat zu kippen.“ Kamil Taylan und Ulrike Bremer vom Hessischen Rundfunk in der Fernsehsendung „Teuflisch abgezockt“ (22.6.93): „Die Sekte Universelles Leben erobert das Land. Sie baut sich ihr eigenes: Das Neue Jerusalem ... Am Anfang waren die neuen Bürger in Hettstadt willkommen, doch sie sonderten sich ab ...“ Diesen Satz lohnt es sich noch einmal näher zu betrachten. Hier wird, nach dem Prinzip der „Stillen Post“, schon eine völlig neue Geschichte erfunden: Jetzt sind also die Zugereisten selber schuld, sie hätten ja angeblich die Chance gehabt. Das klingt natürlich besser als: Der Gemeinderat hat die Erschließung gestoppt, noch ehe das erste Haus gebaut wurde. Michael Franken von „Plus-Minus“ (ARD, 28.9.93) erzählt dem Fernsehpublikum: „Das gelobte Land liegt hier ... In der 2.800-Seelen-Gemeinde will die Sekte Universelles Leben ihr Neues Jerusalem bauen. ... 300 Urchristen haben sich hier schon eingenistet.“ Was auch schon dreifach übertrieben ist – aber wer erwartet von einem Wirtschaftsmagazin schon exakte Zahlen? Als die Urchristen dann ihre Grundstücke längst an die Gemeinde verkauft haben (Ende 1993), baut der Hessische Rundfunk die Story immer noch weiter aus: „Im Würzburger Raum sind ihre Jünger dabei, ganze Dörfer aufzukaufen und zu unterwandern“ („Unterwegs in Hessen“, 1.2.94). Was im eigenen Haus natürlich eifrige Nachahmer findet: „Dass dahinter ein wahrer Sektenkonzern mit Hochsicherheitsfarm, Naturkliniken und Gewerbezentrum steckt, ist den meisten Verbrauchern wohl nicht bekannt, genau so wenig, dass die Sekte bereits ganze Dörfer in der Nähe von Würzburg kontrolliert. Es ist eben nicht alles bio, moralisch betrachtet, auch wenn es ganz nach bio schmeckt“: „Trend“, 2.3.94. Dass sich solche Verleumdungen in den Köpfen der Zuschauer festsetzen, wurde schon aufgezeigt (S. 188). Auch in Hettstadt selbst zeigen sie Auswirkungen: Ein Stromkasten wird mit der Parole „UL raus!“ besprüht, ein junger Kirschbaum vor einem der Urchristen-Häuser wird abgebrochen (nachdem am Tag zuvor ein Leserbrief eines der Bewohner dieses Hauses in der Zeitung zu lesen war), nachts wird sturmgeläutet oder eine halb leere Bierflasche (nach einem Feuerwehrfest) gegen eine Haustür geschleudert.

Lügen haben kurze Beine

Dennoch war ein Nachlassen des Medieninteresses an Hettstadt schon mangels neuer „Sensationen“ nicht zu vermeiden. Wer dies in seinem krankhaften Ehrgeiz nur schwer verkraftete, war Hans-Walter Jungen, der sich in der Rolle bundesweiten „Retters“ vor angeblichen urchristlichen Weltherrschaftsplänen ausgesprochen gefallen hatte, der so gerne Fernsehteams zu den Häusern und Einrichtungen der Urchristen geführt und Passanten auch schon mal ein „Trinkgeld“ für den neusten Klatsch angeboten hatte. Wer sollte ihm jetzt noch zuhören, ihm Aufmerksamkeit widmen? Gemeinsam mit dem evangelischen Mesner Thomas Müller vom Verein „Bürger beobachten Sekten“ (S. 296 ff.) lud er für den 1. Februar 1996 zu einer Diskussionsveranstaltung auf die Würzburger Marienburg mit dem Thema: „Politiker, stoppt das Universelle Leben!“ Hauptredner war der lutherische Verleumdungsexperte Wolfgang Behnk (S. 310 ff.). Jungen beschimpfte die urchristlichen Betriebe als „krankhaftes Firmenimperium“ und forderte die anwesenden Politiker auf, die Frage zu beantworten: „Wie gedenken die Politiker uns gegen das Universelle Leben zu schützen?“ Es stand jedoch keiner auf, der sich auf solch plumpe Nötigung hin als Kraftprotz in diesem „Haut-den-Sekten-Lukas“-Spiel betätigen wollte. Die anwesenden Bürgermeister wussten ja, was Waldemar Zorn von Gerichts wegen an grundgesetzlicher Neutralität auferlegt worden war – eine Bremse, die zumindest an diesem Abend offenbar wirkte. Was wiederum beweist, wie notwendig, trotz zahlreicher haarsträubender Urteile in anderen Fällen, der Gang vor Gericht für eine Minderheit ist. Gisela Schmidt von der Main-Post (3.2.96) scherte sich jedoch um solche Zusammenhänge nicht und schrieb, unter namentlicher Aufzählung der anwesenden Mandatsträger: „Politikverdrossene Bürger werden nicht geboren. Sie entwickeln sich. ... Politiker reden zwar viel, geben aber selten Antworten ... Am Donnerstagabend ... haben sie nicht einmal das Wort ergriffen ... Und trotzdem gibt es noch ein paar mutige Bürger, die dies alles riskieren ... Diese Menschen haben ein Recht darauf, von den Volksvertretern ernst genommen zu werden.“

Die Angehörigen einer religiösen Minderheit haben also, so könnte man aus dieser populistischen Tirade schließen, kein Recht, von Volksvertretern, Journalisten, Gerichten ernst genommen zu werden, sondern nur ihre Gegner. Und so sehen ja, überwiegend zumindest, die Fakten in unserem Land auch aus ...

Nachdem die Politiker (an diesem Abend) nicht mitspielen wollten, gab der Lutheraner Thomas Müller für die anwesenden „Sekten“-Bekämpfer einen Einblick in seine faschistoide Denkwelt: Er forderte von „der Politik“: „Auflösung der UL-eigenen Kindergärten, Schließung der UL-Schule, Verbot der Mitgliederwerbung, Hilfe für die Sektenaussteiger, ... Überwachung der Sekte durch den Verfassungsschutz und Einsetzung eines Bundessektenbeauftragten im Innenministerium.“ Niemand, schon gar nicht den anwesenden Journalisten, schien es aufzufallen, dass Müller sich und seine Kumpane mit solchen Forderungen eher selbst als Objekt der Beobachtung verfassungsfeindlicher Umtriebe anbot ...

Hans-Walter Jungen aber holt an diesem denkwürdigen Abend noch einen Trumpf aus dem Ärmel: Er stellt ein Buch vor, das er verfasst hat – es trägt den Titel: „Universelles Leben – die Prophetin und ihr Management“. Als Herausgeber betätigt sich der von mehreren katholischen Diözesen unterhaltene Pattloch-Verlag in Augsburg. Jungen lobt sich selbst, er habe „ganze Arbeit“ geleistet (ganze Verleumdungsarbeit, das ja), was er geschrieben habe, könne er vor seinem Gewissen verantworten (was weniger über das Buch aussagt als über Jungens Gewissen) und „mit Dokumenten beweisen“.

Letzteres sollte sich allerdings nicht bewahrheiten. Das Buch erwies sich als eine einzige Ansammlung ehrenrühriger Verleumdungen und Beschimpfungen, so dass die Urchristen nicht zögerten, zumindest gegen die schlimmsten gerichtlich vorzugehen. Eine ganze Reihe von Behauptungen wurden tatsächlich auch gerichtlich untersagt und mussten unkenntlich gemacht werden, so z.B.:
– Nach einem psychologischen Gutachten seien nach urchristlichen Meditationsübungen „psychotische und psychoseähnliche Zustandsbilder“ festgestellt worden412;
– ein Urchrist habe einem Journalisten bei einem Handgemenge das Mikrofon samt Kabel aus der Kamera gerissen und sei damit verschwunden;
– der Tod des Vlado P.413 sei auf die Ernährungslehre des Universellen Lebens zurückzuführen und es gebe ein Gutachten, wonach die Ernährungslehre des Universellen Lebens lebensgefährlich sei;
– der Geheimdienst der Scientology-Organisation werde von Leuten aus dem Universellen Leben geschult.

Außerdem wurde Jungen unter anderem untersagt, den Eindruck zu erwecken,
– die Firma Gut zum Leben verwende lediglich ein selbst erfundenes Gütesiegel, werde also nicht auf die Einhaltung ökologischer Kriterien kontrolliert;
– Urchristen hätten an Jungens Auto Reifen angeschnitten und so einen Unfall verursacht.

Als Jungen in einer zweiten Auflage zwei der untersagten Behauptungen wieder brachte, wurden er und der Verlag zu Ordnungsgeldern von 5.000 bzw. 10.000 Mark verurteilt. Der Pattloch-Verlagsleiter selbst gab zu, das Buch sei juristisch „kurz und klein“ geschossen worden. Und beim Geld hört bekanntlich der Spaß auf – besonders bei katholischen Bischöfen. Hans Gasper, Rufmordbeauftragter der katholischen Bischofskonferenz, äußerte sich denn auch verärgert, dass der kurieneigene Verlag ein Buch so macht, „dass es zerfleddert werden kann“.414 Was aber die Kirche dennoch nicht daran hinderte, auch eine dritte Auflage herauszubringen, denn, so die Sprecherin des Weltbild-Konzerns, Vera Schauber, man müsse „mit einem Titel nicht immer nur Gewinn erzielen“. Das Buch sei ein „notwendiges Stück Aufklärung“. Treffend dazu die Überschrift der Süddeutschen Zeitung (19.4.96): „Katholischer Verlag schert sich den Teufel um UL-Anwälte“ – denn Verleumdung als „Aufklärung“ zu verkaufen, das war immer schon das Handwerk der Inquisition. Und zu Verleumdungszwecken taugt auch ein „zerfleddertes“ Buch noch, denn, wie ein Dr. Reinhold Jacobi von der Zentralstelle Medien der Deutschen Bischofskonferenz den Urchristen schrieb: „In diesem Kontext bitten wir Sie zu realisieren, dass nur einzelne Passagen ... beanstandet wurden.“ Das ist der Punkt: Auch die fleißigste Rechtsabteilung kann, zumal bei unserer herrschenden Rechtsprechung, immer nur einen kleinen Teil der Gemeinheiten dingfest machen, die in einem Druckwerk, geschickt in Meinungsäußerungen oder Vermutungen verpackt, enthalten sein können.

Während man von einem Bischofsvertreter aus jahrhundertelanger Erfahrung wohl kaum erwarten kann, dass er etwas für die Wahrheit übrig hat, so möchte man Buchhändlern ein solches Interesse vielleicht zutrauen. Doch weit gefehlt: Einige Buchhändler schickten die als wahrheitswidrig beanstandeten Bücher nicht etwa an den Kirchenverlag zurück und ließen sich das Geld wieder auszahlen – nein, sie „solidarisierten“ sich öffentlich mit dem Ehrabschneider Jungen, sprachen von einem „Angriff auf die Meinungsfreiheit“, die sie völlig ungeniert mit Verleumdungsfreiheit verwechselten, fühlten sich durch die gerichtliche Wahrheitsfindung „massiv unter Druck gesetzt“415, so Matthias Mittelstädt aus Würzburg, Inhaber der Stephansbuchhandlung in unmittelbarer Nähe eines lutherischen Bildungshauses – der sich dann lieber vor Gericht dazu zwingen ließ, das in dieser Form verbotene Buch nicht weiter zu verkaufen, als dem Recht die Ehre zu geben.

Nicht umsonst hat jegliche Pogromstimmung ihren Anfang und ihre Wurzeln in dem öffentlichen Bekunden, dass die jeweils zu „Außenseitern“ Gestempelten rechtlos sind, ehrlos, dass man ihnen gegenüber die Gesetze nicht einzuhalten braucht, ja: sie nicht einhalten darf. Solche Vorgänge zeigen, dass das Gift von Papst Innozenz III. noch immer in manchen Köpfen wirkt: „Treu und Glauben braucht einem Ketzer nicht gehalten zu werden; und der Betrug, gegen ihn geübt, wird geheiligt.“

Als dann aber Hans-Walter Jungen im Rudolf-Alexander-Schröder-Haus in Würzburg über sein Buch sprach, dämmerte es auch manchen kirchlich geprägten Besuchern, dass es um die Glaubwürdigkeit dieses Redners nicht eben gut bestellt ist. Die Main-Post (29.5.96) stellte fest: „In der lebhaften Diskussion warfen Kritiker dem Referenten und Autor vor, er könne viele Behauptungen nicht durch Belege stützen und trage somit nur wenig zur Klärung der Gerüchte um das UL bei.“ Diese „Kritiker“ hatten Jungen z.B. gefragt, ob er jemals persönlich an einer der öffentlichen Veranstaltungen des Universellen Lebens teilgenommen habe – was er verneinen musste.

Bürgermeister Zorn brachte die fleißige Rufmordarbeit gegen die Urchristen mehr Glück bei seiner Karriereplanung. Er wurde, nachdem er die urchristlichen Grundstücksbesitzer erfolgreich vertrieben hatte und die selbst verschuldete Blockade der Gemeindeentwicklung dadurch ein Ende fand, 1996 zum Würzburger Landratskandidaten der CSU gemacht und – in einem Landkreis, der eher zu den schwarzen Flecken der Parteienlandschaft zählt – auch gewählt. So danken die Schwarzen es den Schwarzen, wenn sie das Ihre verteidigen ...

 

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