Das Buch

 

 

 

 

Buch, kart., 268 S., ISBN 3-89201-236-9
Euro 8,90;

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3. Immer zu spät - und trotzdem oben auf der Suppe

 

Schnelligkeit hat noch nie zu den herausragenden Tugenden des Kirchenapparats gehört. Als im Septem­ber 2006 Papst Joseph Ratzinger mit einem Zitat des byzantinischen Kaisers Manuel II. aus dem Jahr 1391 Mißfallen bei den Muslimen erregte, spotteten manche Kabarettisten: „Ein Kommentar nach 600 Jahren – das ist doch für die katholische Kirche eine brandaktuelle Reaktion!“

Man sollte die Langsamkeit, mit der Kirchenobere auf Ereignisse und Erkenntnisse der jeweiligen Zeit reagieren, jedoch nicht mit Schläfrigkeit verwechseln. Dahinter steckt immer ihre Strategie und Taktik der Machterhaltung. Im Gegensatz zu Jesus von Nazareth, auf den sie sich – zu Unrecht – immer wieder beruft, hat die Kirche mit geistiger Revolution, mit Verände­run­gen und Verbesserungen des Menschen und der Welt, nichts im Sinn. Damit würde man ja an dem Ast sägen, auf dem man sitzt, und die Unterstützung ge­rade derjenigen verlieren, denen man die Sicherung finanzieller und machtpolitischer Privilegien verdankt: die der Reichen und Mächtigen.

Andererseits paßt die Kirche sich – entgegen stän­diger anderslautender Beteuerungen – in vieler Hinsicht durchaus an den „Zeitgeist“ an – aber immer erst dann, wenn ohnehin alle so denken.

 

Erst wenn der Streit entschieden ist ...

 

Im Herbst 2006, wenige Wochen nach Veröffentlichung des Klimapapiers, kommt der Film „Eine unbequeme Wahrheit“ in die deutschen Kinos. Der ehemalige US-Vizepräsident Al Gore warnt darin eindringlich vor den Folgen des Klimawandels. Die Zeit (12.10.06) schreibt dazu: „Für George W. Bush ist das Klima kein Thema. Aber in amerikanischen Städten und Bundesstaaten hat das Umdenken in der Umweltpolitik begonnen ... Der Streit um die globale Erwärmung ist entschieden, der Mensch als Schuldiger überführt.“

Die USA sind das Land, das am meisten zur Klimabelastung beiträgt, doch bisher kaum Konsequenzen daraus ziehen wollte. Wenn nun sogar in diesem Land ein Umdenken einsetzt, dann scheint es auch für die Kirche an der Zeit, zumindest verbal in den allgemeinen Chor der Umweltschützer mit einzustimmen und, wie der Igel in der Fabel, zu rufen: „Ick bün schon allhier!“

Ereignisse wie der Tsunami im Indischen Ozean (Dezember 2004) oder der Untergang von New Orleans im Wirbelsturm „Katrina“ (August 2005) haben sich in­zwischen so stark in das kollektive Unterbewußtsein eingebrannt, daß es schwerfallen würde, weiter so zu tun, als sei mit dem Planeten Erde alles in Ordnung. Politik und Medien tragen dem Rechnung.

Kurz vor der Klima-Konferenz in Nairobi (6.11.2006) läßt die britische Regierung Ende Oktober eine von ihr in Auftrag gegebene Studie über die wirtschaftlichen Folgen des Klimawandels veröffentlichen. Nicholas Stern, ehemaliger Chefökonom der Weltbank, sagt darin, „wenn nichts getan würde“, eine Weltwirt­schafts­krise voraus, die schlimmer wäre als diejenige der 30-er Jahre des 20. Jahrhunderts und „mehr Schaden an­richtet als beide Weltkriege zusammen“.* Dies wird in der Presse als „Umschlagpunkt“ in der Klimadiskussion wahrgenommen: „Von nun [an] gilt, es wird teurer, nicht zu handeln, statt zu handeln“.** Oder, wie es als ge­flügeltes Wort unter New Yorker Börsenmaklern kursiert: „Grün, das ist doch auch die Farbe der Dollar!“***

Auch in der deutschen Wirtschaft wird über die drohenden wirtschaftlichen Verluste durch den Klima­wandel nach­gedacht: „Die Jahrtausend-Katastrophe – wie der Klima­­wandel die Wirtschaft trifft“, titelt die Welt am Sonntag (5.11.2006). Der Spiegel erscheint mit dem Titel „Achtung Weltuntergang!“ (6.11.2006), und Bild beginnt die Serie „Patient Erde“ (4.11.2006). 

Da will die Kirche nicht abseits stehen – schon allein ihrer umfangreichen Aktienpakete wegen, die aus allen wichtigen Bereichen der Wirtschaft stammen. Beson­ders schwer ist es nun nicht mehr, sich dem Chor der Besorgten anzuschließen. Zehn Jahre zuvor wäre es keiner kirchlichen Stelle in den Sinn gekommen, z.B. das Wort „Ökosteuer“ auch nur in den Mund zu nehmen. Da wurde das noch kontrovers diskutiert. Nun haben sich die Bürger, wenn auch widerstrebend, daran ge­wöhnt, und man springt auf den fahrenden Zug auf.

Die Kirche wird von vielen Zeitgenossen noch immer für einen Felsen in der Brandung des Zeitgeistes ge­halten. In Wirklichkeit ist sie ein Chamäleon. Den Ade­nauerschen Satz „Was geht mich mein Geschwätz von gestern an?“ wendet sie seit fast 2000 Jahren an – wobei sie allerdings ihre althergebrachten Dogmen und Denkmuster keinesfalls ändert, sondern höchstens in eine tiefere Schublade legt, aus der sie jederzeit wieder hervorgezogen werden können, wenn die Zeiten günstiger sind.

 

Die Spinne im Netz

 

Dies durch die Kirchengeschichte hindurch zu verfolgen, würde ein ganzes Buch füllen. Einige Beispiele seien jedoch genannt:

•    Da ist zunächst der größte Betrug von allen zu be­nennen: Eine Organisation, die in fast allen Belangen das genaue Gegenteil dessen lehrt und tut, was Jesus von Nazareth in die Welt brachte, schmückt sich mit dem Namen „christlich“. Doch der Wolf bleibt ein Raubtier, auch wenn er sich einen christlichen Schafspelz überzieht.

•    In der Antike verfolgt die Kirche mithilfe des Staates, mit dem sie seit Kaiser Konstantin (4. Jahrhundert) verbündet ist, alle „heidnischen“ Kulte, läßt ihre Tem­pel zerstören, die Gläubigen dieser Religionen enteignen, entrechten, verbannen, hinrichten. Gleich­zeitig übernimmt sie bis ins Detail hinein die Zeremonien und Rituale dieser Kulte und gibt sie als die eigenen aus.* Die Kirche verhält sich hier wie eine Spinne, die ein gefangenes Insekt erst tötet und dann dessen Lebenssaft aussaugt. 

•    Im frühen Mittelalter verfolgt die Amtskirche mit Bonifatius als ausführendem Werkzeug des Papstes die naturverbundenen iroschottischen Mönche, die in Germanien frei umherziehen. Sie werden vertrie­ben, eingekerkert oder zur Unterwerfung unter die römische Kirche gezwungen. Wenig später übernimmt die Kirche den Brauch der Iroschotten, in Feld und Flur einfache Kreuze aufzustellen – einen Brauch, den sie zuvor als „pantheistisch“ verteufelt hatte. Heute werden „Marterln“ am Wegrand (nun allerdings mit Heiligenfiguren und Kruzifixen, also Kreuzen mit Korpus) als „typisch katholisch“ angesehen.*

 

Galileo wurde gar nicht rehabilitiert

 

•    Am 22. Juni 1633 wird Galileo Galilei von einem In­quisitionstribunal unter Androhung des Todesurteils dazu verurteilt, seine wissenschaftlichen Erkennt­nisse über die Bewegung der Himmelskörper nicht nur zu widerrufen, sondern zu verfluchen und zu ver­wünschen.

     346 Jahre später, am 10. November 1979, bedauert Papst Wojtyla in der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften, daß Galileo „von den Männern und Organen der Kirche viel zu leiden gehabt“ habe. (Wohlgemerkt: nicht von der Kirche selbst!) Er wünsche sich, „daß Theologen, Gelehrte und Historiker, vom Geist ehrlicher Zusammenarbeit beseelt, die Überprüfung des Falles Galilei vertiefen und in aufrechter Anerkennung des Unrechtes, von welcher Seite es auch immer gekommen sein mag, das Mißtrauen beseitigen, das dieses Ereignis noch immer in vielen Geistern gegen eine fruchtbare Zusammenarbeit von Glaube und Wissenschaft, von Kirche und Welt hervorruft.“*

     Diese Rede ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie die Kirche der Öffentlichkeit Sand in die Augen streut, indem sie ihr weismacht, sie würde ihre Ver­gangenheit bewältigen. Alle Welt war der Meinung, der Papst habe Galileo, wenn auch mit fast 350 Jahren Verspätung, nun endlich rehabilitiert. Doch das Gegenteil war der Fall: Wojtyla hatte das Urteil des Inquisitionsgerichts nicht angetastet; er hatte vielmehr die Entscheidung darüber auf unbestimmte Zeit verschoben ( „... die Überprüfung des Falles ... ver­tiefen“). Er hatte die Schuld der Kirche weder eingestanden noch bereut. Und mehr noch: Er hat Galileo zwischen den Zeilen erneut verurteilt: „ ... von welcher Seite es [das Unrecht] auch immer gekommen sein mag ...“ – etwa von Galileo? Und er hat die Schuld an den Vorwürfen, die seither auf der Kirche lasten, elegant den Kritikern zuge­scho­ben: „ ... das dieses Ereignis noch immer in vielen Geistern ... hervorruft“. Im Geist und im Gemüt der Kirchenoberen bewegt sich diesbezüglich offenbar bis heute nichts! 

 

Von Reue keine Spur – von Wiedergutmachung schon gar nicht

 

•    Daß die Kirche nicht im Traum daran denkt, irgend­etwas zu bereuen oder gar wiedergutzumachen, zeigte sich auch beim aufsehenerregenden „Mea culpa“ von Papst Wojtyla am Aschermittwoch des Jahres 2000*. Immer wieder wird seither behauptet, der Papst und seine Kardinäle hätten doch für die Verbrechen der Kirche um Vergebung gebeten. In Wirklichkeit haben sie – ähnlich wie im Fall Galileo – lediglich bedauert, daß z.B. „ ... die Christen bisweilen Methoden der Intoleranz zugelassen haben“. Die Schuld wird also nicht nur auf die Gläubigen abgeschoben, sie wird auch in unglaublicher Weise verharmlost: Die Kirche, allen voran ihre Päpste, haben durch die Jahrhunderte der Kreuzzüge, der Inquisition und Hexenverbrennungen Folter, Mord und Totschlag (hier vornehm mit „Methoden der Intoleranz“ umschrieben) keineswegs nur „zugelassen“, sondern angeordnet, ja regelrecht erzwungen.

     Wie wenig das Schauspiel des „Mea culpa“ mit echter Reue und Umkehr zu tun hatte, zeigt auch die Aussage des damaligen Kardinals Ratzinger bei dieser Veranstaltung:

     „Laß jeden von uns zur Einsicht gelangen, daß auch Menschen der Kirche im Namen des Glaubens und der Moral in ihrem notwendigen Einsatz zum Schutz der Wahrheit mitunter auf Methoden zurückgegriffen haben, die dem Evangelium nicht entsprechen.“*

     Auch hier keine Bitte um Vergebung an die Seelen derjenigen, die durch die Kirche schreckliches Leid erdulden mussten – und die nach katholischer Auf­fassung ja weiterleben! Ratzinger, als Präfekt der Glaubenskongregation Nachfolger der Großinquisitoren, rechtfertigt im Nebensatz („notwendiger Einsatz“) sogar noch die Untaten seiner Vorgänger!

Offenbar sind die Kirchenoberen tatsächlich der Mei­nung, es genüge, „die Schuld der Vergangenheit [zu] betrachten und unser Gedächtnis ehrlich [zu] reinigen“, wie Kardinal Gantin in der Einleitung sagt, und alles ist vom Tisch. Das hört sich fast an wie eine „Gehirnwäsche“, die die Kirche sich selbst verordnet, um sich anschließend selber feierlich einen „Persilschein“ auszustellen.  

Im Grunde ist dieses Verhalten ähnlich wie das eines Kindes, das sich die Finger vor die Augen hält und meint, es werde nicht mehr gesehen. Denn wenn man davon ausgeht, daß die Seelen der Gefolterten und Ermordeten weiterleben, dann ist zu vermuten, daß sie ihren Peinigern noch nicht vergeben haben – und unter Umständen sogar als Seele aus dem Jenseits noch versuchen, auf Lebende Einfluß zu nehmen, da­mit diese für sie Rache nehmen. Diese Annahme könnte zumindest manches von dem Haß erklären, der in der muslimischen Welt auf alles Christliche besteht – denn zwischen wahrem Chri­stentum und Kirche, zwei unversöhnlichen Gegen­sätzen, können die meisten Men­schen bis heute nicht unterscheiden.

Die Kirche zeigt hier, daß sie die Gebote der Berg­predigt Jesu nicht zur Kenntnis nehmen will. Denn dazu gehört nun mal, daß man seinen Nächsten, dem man Unrecht getan hat, aufrichtig um Vergebung bittet – so wie es auch im Vaterunser zum Aus­druck kommt: „Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben un­seren Schuldigern.“ Gott kann uns erst vergeben, wenn unser Nächster uns ver­geben hat – dazu müssen wir diesen aber zuvor um Vergebung bitten!

Daß die Kirche trotz aller Betroffenheitsmimik und -gestik überhaupt nicht daran denkt, die Bergpredigt in die Tat umzusetzen, hat noch einen ganz hand­festen Grund: Selbst nach katholischer Lehre gehört zu einer gültigen Beichte nicht nur eine ehrliche Reue, son­dern auch, soweit möglich, eine Wiedergutmachung des Schadens. Dann müßte die Kirche aber z.B. die Schät­ze herausrücken, die sie den Opfern der Inquisition abgenommen hat; sie müßte die Ländereien zurückgeben, die sie durch Betrug und Urkundenfälschung ergaunert hat*, oder sie müßte die goldenen Mon­stran­zen einschmelzen, die mit dem Gold der ermordeten Indianer hergestellt wurden, und einen Entschädi­gungs­fonds für deren Nachkommen einrichten. Davon ist bisher jedoch keine Rede. 

 

Die Legende vom kirchlichen Widerstand gegen Hitler

 

•    Keine Rede kann auch davon sein, daß die Kirchen – abgesehen von Einzelfällen – unter Hitler nennenswerten Widerstand geleistet hätten. Dennoch erwecken sie heute genau diesen Eindruck. Das nötige Alibi für diese Widerstandslegende verschafften sich Kirchenvertreter, indem sie sich rechtzeitig nach allen Seiten absicherten. Nur zwei Beispiele von vielen:  

     Der Münchner Kardinal Michael Faulhaber etwa war zwar ein Militarist, der schon im ersten Weltkrieg als Feldprediger die Kanonen als „Sprachrohre der rufenden Gnade“ Gottes bezeichnet hatte*, der 1941 die deutschen Soldaten ermahnte, „daß in solcher Lage jedermann ganz und gern und treu seine Pflicht erfüllt“**, der nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 den „Führer“ persönlich zu seiner Er­rettung beglückwünschte. Doch er traf sich 1943 mit Graf Moltke vom Kreisauer Kreis. Das genügte, damit Faulhaber, ein „Antidemokrat ..., eine unerschütterliche Stütze Hitlers, ein böser Kriegstreiber und autoritärer Kirchenfürst“* sich nach dem Krieg als „Wider­standkämpfer“ feiern lassen konnte. 

     In ähnlicher Weise hörte z.B. auch Eugen Gersten­maier, in der Nachkriegszeit CDU-Politiker und Bundestagspräsident, rechtzeitig das Gras wachsen. Der lutherische Theologe war während des Zweiten Weltkriegs im Auftrag des Auswärtigen Amtes in Skandinavien und auf dem Balkan unterwegs, um die dortigen protestantischen und orthodoxen Kirchen auf die hitlerdeutsche Linie zu bringen. Weil er in den späteren Kriegsjahren auch Kontakte zum Widerstand unterhielt, wurde er 1944 inhaftiert – jedoch nicht, wie die Verschwörer, zum Tode, sondern zu sieben Jahren Zuchthaus verurteilt. Das genügte, um sich nach dem Krieg zum Widerstandskämpfer und Verfolgten des Naziregimes hochzustilisieren – so sehr, daß der darob erzürnte Theologe Karl Barth 1945 in der Neuen Zürcher Zeitung über den „Typus Eugen Gerstenmeier“ schrieb: „Der grobe (und dumme) Teufel ist mit Gestank abge­gangen. Die Stunde des feinen (und klugen) Teufels scheint angebrochen: die Stunde des großen ver­kann­ten Antinazis, Bekenners, Helden und Beinahe-Märtyrers, die Stunde des glänzenden Alibis ...“**    

 

     Erst verteufeln – dann kopieren

 

•    Die Kirche hat es schon immer gut verstanden, eige­ne Fehler nachträglich in Tugenden schönzureden. Nur zwei Beispiele seien hier erwähnt:

     Wenn die Kirche heute den Eindruck erweckt, sie habe sich schon immer für Menschenrechte einge­setzt, so verschweigt sie, daß alle Menschenrechte im 18. und 19. Jahrhundert gegen ihren erbitterten Widerstand durchgesetzt werden mußten. Und wenn die Päpste sich heute gerne als Friedenstauben geben, so wollen sie vergessen machen, daß sie nicht nur im Laufe der Geschichte immer wieder Kriegs­treiber waren, sondern daß auch Papst Wojtyla selbst noch den Irakkrieg 1991 und den Bosnienkrieg 1995 ausdrücklich befürwortete.* 

•    Ein letztes Beispiel für „Vergangenheitsbewältigung“ nach Art der Kirche sei noch erwähnt, weil es uns auf das nächste Kapitel hinführt. Die Glaubens­gemeinschaft der Urchristen im Universellen Leben trat Ende der 70-er Jahre an die Öffentlichkeit. Zu ihren Angeboten gehörte damals – und gehört  bis heute – die „Glaubensheilung wie im Urchristentum“. Menschen beten dabei für ihre Mitmenschen, die der Heilung bedürfen, um die Selbstheilungskräfte im Menschen mit Christi Hilfe zu verstärken. Es wer­den keine Heilversprechen abgegeben; auch wird ausdrücklich geraten, einen Arzt des Vertrauens aufzusuchen. Jesus von Nazareth gab – nach dem Zeugnis der Bibel – Seinen Jüngern den Auftrag, auf diese Weise Kranken zu helfen. Dieser Auftrag geriet in der Kirchengeschichte jedoch in Vergessen­heit. 

     Die Angriffe der Kirchen, denen die Urchristen von Beginn an ausgesetzt waren (siehe nächstes Kapitel), richteten sich umgehend auch gegen die Hei­lung durch Gebet und Glauben. Die Urchristen wurden von Pfarrern beider Konfessionen über Jahre hin­weg als „Scharlatane“ verleumdet. Der Bischof von Würzburg ließ sogar Strafanzeige erstatten, weil angeblich gegen das Heilpraktikergesetz verstoßen worden sei. Das Verfahren wurde eingestellt.* 

     Und was geschieht nach mehr als 20 Jahren immer wiederkehrender Verleumdung einer religiösen Min­derheit wegen ihrer Gebetsaktivitäten? Im Jahr 2006 tritt ein „Christliches Heilernetzwerk“ an die Öffentlichkeit, das „geistiges Heilen“ propagiert – und von einem evangelischen Pfarrer und Theologen geleitet wird! Kirchenrat Bernhard Wolf, der als lutherischer Rufmordbeauftragter noch zehn Jahre zuvor im Evangelischen Sonntagsblatt Bayern (26.2.1995) unter der irreführenden Überschrift „Leeres Verspre­chen Gesundheit“ über das Universelle Leben hergezogen war, erkennt nun den Trend der Zeit und versucht, ihn für die Kirche zu instrumentalisieren.

     Doch welcher Segen, welche Heilwirkung soll von einer Institution ausgehen, die beständig Vorurteile schürt, Unwahrheiten verbreitet und damit Unfrieden sät? 

Man hat von einem Theologen noch kaum ein Wort des Bedauerns gehört, wenn Menschen unter seinen Fehlurteilen, seinen Beschimpfungen und Verdrehungen der Tatsachen gelitten haben, oder wenn er über Jahre hinweg seine Mitmenschen davon abgehalten hat, ein spirituelles Angebot vorurteilslos zu prüfen, das ihnen vielleicht hätte helfen können. Wo die Kirche da­bei ist, das ist gut – und wo sie nicht dabei ist, das kann nur des Teufels sein.

„Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben.“ Die­sen Satz hat der Kremlführer Michail Gorbatschow in Ostberlin kurz vor dem Fall der Mauer zwar nicht ge­sagt, aber er ist gut erfunden und wird ihm zuge­schrieben. Er zeigt auch, weshalb zwar der real exi­stierende Sozialismus unterging, die Kirche aber bis heute noch nicht. Denn bei ihr heißt es: „Wer zu spät kommt, der lasse sich nichts anmerken und schwimme immer oben auf der Suppe.“

Doch wer das Spiel einmal durchschaut hat, der wird diese Suppe nicht länger mit auslöffeln.

 

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